Nationalratswahlen 2011: Parteistärken, Vergleiche mit 2007 und Umfragen

Im Waadtland ticken die Uhren anders. Die Stimmen des Wahlsonntags wurden, so ein giftiger Kommentator, noch mit einem Zählrahmen erhoben. Nach massiven Verzögerungen in Lausanne liegen seit gestern Abend nun die definitiven Parteistärken vor. Das Bundesamt für Statistik (BfS) vermeldete die Schlussergebnisse, die Serie von grösseren und kleineren Fehlern ist damit beendet.

Mit Ausnahme der CVP kommen praktische alle Parteien auf leicht bessere Werte als in der letzten Hochrechnung vom Sonntagabend prognostiziert. Auf die Sitzzahl haben die Korrekturen allerdings Einfluss.

Nachstehend eine Zusammenstellung dieser Ergebnisse, verglichen mit den Parteistärken 2007 sowie mit den Umfragen (Isopublic und SRG-Wahlbarometer von gfs.bern) und meiner Prognose:


Weil diese Darstellung vermutlich für die meisten Leserinnen und Leser zu klein ist, gibt es sie auch als PDF-Datei zum Herunterladen:

Parteistärken 2011: Vergleich mit 2007 und Umfragen (PDF)

Neckisches und gleichsam wichtiges Detail: Gemäss den Zahlen des BfS verlor die FDP 0.7% Prozentpunkte (2007: 15.8%, 2011:  15.1%). Seit der Fusion von FDP mit den Liberalen im Jahr 2008 wurden allerdings die beiden Wähleranteile (FDP: 15.8%, Liberale: 1.9%) konsequent zusammen ausgewiesen, also: 17.7%. Das hatte seitens der FDP-Liberalen strategische Gründe (Sicherung ihrer Bundesratssitze), die Medien übernahmen die höhere Prozentzahl nach anfänglichem Aufmucken.

Die Zusammenstellung zeigt einmal mehr, dass Umfragen besser sind als ihr Ruf. Der Stichprobenfehler der SRG-Wahlbarometer beispielsweise wird jeweils mit +/- 2.2% ausgewiesen. Demnach wurde diese statistische Fehlerquote in der 7. Welle vom 12. Oktober nur einmal, beim Wert der SVP, überschritten.

Die SRF-Wahlbörse kam den Schlussresultaten am nächsten, die Abweichung beträgt insgesamt 6.9%. Auf Platz 2 folgt gfs.bern mit einer Abweichung von insgesamt 9.1%. Die Momentaufnahme von Isopublic sowie meine Prognose differierten insgesamt mit je 9.5%.

Heftig schoss auch ich bei der SVP daneben. Damit bin ich in guter Gesellschaft mit Sozialgeograf Michael Hermann. Seine Prognosen stünden in einem fundamentalen Widerspruch zur Forschungsliteratur, schrieb gestern ein junger Politologe. Affaire à suivre.

 

Grafik: border-crossing / wahlkampfblog

Wahlresultate in der Kristallkugel

Demoskopen stützen sich auf ihre Umfragen, Wahlbörsianer auf den Aktienwert, Kaffeesatzleser auf ihre Erfahrung und Intuition. Ich skizzierte hier vor ein paar Tagen die Faktoren, die für den Wahlerfolg von Parteien relevant sind. Geprüft ist dieses Modell noch nicht, die Zeit fehlt.

Deshalb werfe ich für die Nationalratswahlen von morgen bloss einen gelassenen Blick in die Kristallkugel – notabene nur wenige Kilometer vom Rütli entfernt.

  – SVP   30.2%  (Resultat 2007: 28.9%)
  – FDP   14.8%   (17.7; damals inkl. Liberalen)
  – BDP     4.0%   (—, Gründung 2008)
 – CVP   14,3%   (14.5)
↗  – GLP     5.5%   (1.4)
 – Grüne  9.2%   (9.8)
 – SP      20.0%  (19.5)

Die Gewinner sind gemäss dieser Prognose also klar BDP und GLP, während CVP und SP nicht vom Fleck kommen. Immerhin erreichen die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wieder die 20-Prozent-Marke. Die SVP überschreitet die 30-Prozent-Schallgrenze, was psychologisch wichtig ist, die Grünen verlieren leicht, die FDP massiv.

Meine Prognose weicht von den Umfragen (Momentaufnahmen) und Aktienkursen nur bei der SVP ab.

Foto: neuropol.com

Von kleinen Geistesblitzen, Schlachtrufen und bravem Wortgeklingel im Wahlmaterial

GAST-BEITRAG von Daniel Goldstein *

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Wahlkampf ists, die Fetzen fliegen. Das könnte man meinen, aber in den offiziellen Flugblättern, welche die Parteien dem Wahlmaterial beilegen durften, sind die Fetzen rar: Da zeigen sich fast alle Formationen von der manierlichen Seite, und von den grösseren tun es ausnahmslos alle – auch diejenige, die sonst für rauere Sitten bekannt ist. Den Plakatmann fürs Grobe hat jedenfalls die Berner SVP für ihre amtlich beigelegten vier Seiten A 4 nicht beigezogen. Sie gibt sich dort so wortkarg, dass unter der Sprachlupe rein gar nichts auffällt.

Wer Kämpferisches sucht, muss den Blick schon auf die Ränder des politischen Spektrums richten, trifft dort aber auf ein wohlbekanntes Feindbild. Links aussen ist die Europäische Union «imperialistisch» (PdA), rechts drüben ein «antidemokratisches Bürger-Bevormundungs-Projekt» (SD). Links wird der eigene Staat ebenfalls zum Buhmann, so als «Schnüffelstaat» mit «Sozialbürokratie» bei den Grün-Alternativen.

Kuscheln und schleppen

Etwas mildere Schimpfworte ringen sich auch einzelne Traditionsparteien ab: Die CVP prangert, eher am alten als am neuen Testament orientiert, die «Kuscheljustiz» an. Die Akademikerpartei par excellence, die FDP, zieht gegen die «Verakademisierung von Berufen wie der Pflege» ins Feld; ihre Jungspunde wollen zudem «Jazzmusiker und Kindergärtnerinnen» den akademischen Klauen entreissen, und sie haben «reaktionäre Kräfte» aufgespürt: die Befürworter der Buchpreisbindung. Immerhin gibts auch von einem kleinen freisinnigen Geistesblitz zu berichten: «Schlepper und schleppender Vollzug» plagen demnach die Asylpolitik. Die Alternative Linke glänzt mit acht Gründen, sie «NICHT» zu wählen. Und die Piratenpartei ist, zumal in der Schweiz, mit ihrem Schlachtruf kaum zu überbieten: «Wir wollen Meer» (und nicht etwa bloss freie Sicht darauf).

Breit gestreut sind Allerweltswörter wie «konstruktiv», «nachhaltig» oder «zukunftsorientiert»; Letzteres zusammen mit «visionär» wiederholt bei den Jusos. Bei der Mutterpartei brilliert eine Kandidatin mit höherer Mathematik: Hätte sie einen Wunsch frei, würde sie gleich sieben Sachen hineinpacken. Den «allerweltlichsten» Satz bringt die EDU zustande: «Wir wollen in den gesamten familienpolitischen Themen auf nationaler Ebene wegweisend und fördernd sein.»

Was ungesagt bleibt

Besondere Pflege, auch sprachlicher Art, lassen Ständeratskandidaten dem eigenen Kanton angedeihen, wie es sich für sie gehört. Jener der FDP will Bern als «schlagkräftige Hauptstadtregion auftreten» lassen; wem die Schläge gelten sollen, lässt er offen. Und sein Rivale von der BDP meint, der Kanton brauche «mehr denn je eine starke Vertretung auf Bundesebene», und lässt uns rätseln, warum das früher weniger nötig gewesen sein soll. Der knappe Platz sorgt aber dafür, dass insgesamt wenig Wortgeklingel untergekommen ist, und den meisten Flugblättern ist anzumerken, dass grosse Sorgfalt gewaltet hat. Wer die ganz grosse Fehlerlupe hervornimmt, wird aber zumindest bei den Listen 5, 6, 7, 11, 13, 16, 17 und 21 ein bisschen fündig.

Mehr Platz für Dubioses auch sprachlicher Art bieten natürlich die ausserhalb des amtlichen Couverts gestreuten Flugblätter – für jene, die es sich leisten können. Da staunt man etwa, dass ein Parlamentarier seine Arbeit nicht nur weiterführen will, sondern (jetzt?) auch «zielgerichtet» und «aktiv», und dass er sogar «Projekte plant», in denen er dann, so nehmen wir an, Tätigkeiten plant. Über die scheint ein Bild mehr zu sagen als die berühmten Tausend Worte: «Rudolf Joder Agrarfreihandel» ist darauf zu lesen, obwohl der Kandidat laut Begleittext dagegen ist. Seine SVP, aufs Aufdecken von «Geheimplänen» spezialisiert, scheint da selber einen zu hegen.

* Daniel Goldstein war viele Jahre lang Redaktor bei der Berner Traditionszeitung „Der Bund“ und ist auch bekannt für seinen eleganten Umgang mit der Sprache. Er arbeitet inzwischen als Schreibcoach und ist unter sprachlust.ch zu finden. Seit Frühjahr 2011 ergänzt Goldstein das Netzwerk von Border Crossing AG, die wiederum dem Betreiber des wahlkampfblogs gehört. Dieser Text erschien am letzten Freitag im “Bund”.

Unabhängigkeit und Transparenz in der Glasbox und anderswo – eine Klarstellung

Dieser Tage bin ich regelmässig in der grossen SRF-Kiste “Treffpunkt Bundesplatz” involviert. Ich darf jeweils zwischen 14 und 15 Uhr auf DRS3 bzw. SF info eine Kurzbeurteilung über die Parteien und die Wahlkampfreden vornehmen. Dabei wurde für mich die Glasbox auf dem Bundesplatz unverhofft zum Glashaus. Diese Medienauftritte führten zu Fehlinterpretationen, die ich ausräumen will.

Seit ich Bücher über politische Kommunikation schreibe und dieses Blog hier betreibe, erhalte ich Medienanfragen. Im Herbst 2006 hat das angefangen und von Jahr zu Jahr wird die Nachfrage etwas grösser. Einmal werde ich gefragt, welche Rolle die Bundesräte für ihre Parteien spielen, ein anderes Mal darf ich analysieren, weshalb der Zürcher Regierungsrat Hans Hollenstein abgewählt wurde, ein drittes Mal kritisiere ich Videoclips.

Priorität haben solche Medienanfragen nicht, an erster Stelle kommen immer die Mandantinnen und Mandanten. Wenn ich es aber einrichten kann, nehme ich die Expertenrolle gerne wahr, was oft in Nachtarbeit mündet. Aber für Selbständige ist der Arbeitstag bekanntlich fast beliebig ausdehnbar.

Weshalb ich regelmässig Medienanfragen annehme:

– Jede Medienanfrage ist eine Herausforderung. Ich mag Herausforderungen
– Ich betrachte jede Medienanfrage als “persönliches Medientraining on the job”. So profitiere ich für eines der Standbeine meiner Agentur, weil ich regelmässig selber beübt werde
– Mich interessiert, wie Medienschaffende Themen angehen und aufbereiten, gerade auch weil ich an der Schweizer Journalistenschule ein kleines Pensum habe
– Ich verstehe mich als Dienstleister. Von 1989 bis 2000 war ich selber als Journalist tätig und weiss deshalb nur zu gut, wie schwierig es ist, unter Zeitdruck Protagonisten zu finden, die in ihrem Gebiet über ein solides Wissen verfügen und es auch auf den Punkt bringen können
– Hintergrundgespräche, die nicht zu Zitaten führen, sind für mich sehr bereichernd
– Regelmässige Medienauftritte erhöhen meinen Bekanntheitsgrad und können die Reputation stärken

Wer im Scheinwerferlicht der Medien steht, muss jederzeit mit Kritik, Verunglimpfungen, dumm-dürren Hypothesen, ja sogar mit Heckenschützen rechnen. Die beiden Stars der Polit-Expertenzunft können ein Lied davon singen: Meinungsforscher Claude Longchamp wurde nach der Anti-Minarett-Initiative durch den Kakao gezogen, Sozialgeograf Michael Hermann wiederum musste in den letzten Monaten Kritik für seine Vermessung der Politik einstecken.

Auf meine Medienauftritte bilde ich mir nichts ein, ich brauche sie nicht für das persönliche Wohlbefinden. Wenn meine Einschätzungen dem Publikum helfen, etwas zu verstehen, ist ein wichtiges Ziel erreicht. Darum geht es. Wenn die “Elfenbeintürmler” nicht bereit sind, komplexe Sachverhalte einfach zu erklären, bedauere ich das. Es liegt an ihnen, sich in der Disziplin der Instant-Analyse zu versuchen.

Der Einfluss der Experten wird grundsätzlich überschätzt. Ich zähle in dieser Gilde zur dritten Reihe, nehme die Aufgabe aber ernst. Gleichwohl beobachte ich mich in dieser Rolle mit einem Augenzwinkern. Das Lachen auf den Stockzähnen bleibt, und sollte ich es einmal verlieren, werde ich mich beruflich verändern.

Zentral ist für mich Unabhängigkeit. Ich gelte zwar als “animal politique”, habe aber den Anspruch, dass meine Einschätzungen nie parteiisch sind. Das habe ich womöglich nicht ganz immer geschafft. Ebenso zentral ist, dass ich nie zwei veschiedene Hüte gleichzeitig trage. Wo meine Kommunikationsfirma involviert ist, nehme ich keine Medienanfragen wahr. So ist es in den letzten fünf Jahren zu keinem einzigen Interessenkonflikt gekommen.

Nehmen wir als Beispiel “Treffpunkt Bundesplatz”. Von allen Kandidaten, die ich am Sender bespreche, bestand mit keinem jemals ein Mandatsverhältnis. Dasselbe gilt auch für ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten. Verquickungen lehne ich ab; ich kann und will sie mir nicht leisten. In meinem Berufsverständnis sind Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Unabhängigkeit und Ethik sehr wichtig.

Die Beurteilung des Berner FDP-Nationalrats Christian Wasserfallen, der heute in der Glasbox seine Wahlkampfrede hält, hätte ich abgelehnt. Er absolvierte vor drei Jahren bei mir ein Medientraining, bei dem er sich auf sein Zusammentreffen mit Christoph Blocher in der “Arena” vorbereitet hatte.

Mark Balsiger

Foto Glasbox auf dem Bundesplatz: Thomas Hodel

Von politischem Lärm und echter Wirkung

FDP und CVP gewinnen mit Abstand am meisten Abstimmungen an der Urne und im eidgenössischen Parlament. Das ist bekannt und kann mit Fleiss jederzeit nachgeprüft werden. Neu hingegen ist, dass die oft beklagte Polarisierung medial komplett überzeichnet wird. Eine Untersuchung über die letzten zehn Jahre zeigt nämlich auf, dass die Wirkung des Parlaments im Gesetzgebungsprozess konstant geblieben ist.

Lesebeispiel: Die SVP (dunkelgrün) erzielte im Jahr 2001 von 100% erfassten indexierten Punkten 18%, im Jahr 2010 waren es 17%.

Viele Freunde und Feinde der SVP sind überzeugt, dass diese Partei die Deutungshoheit über alle Politikfeldern erlangt hat. Tatsache ist, dass sie zwischen 1991 und 2007 ihren Wähleranteil um satte 17 Prozentpunkte heraufschrauben konnte. Für Schweizer Verhältnisse waren die Wahlerfolge der SVP von 2003 und 2007 spektakulär.

Dass die SVP in der Medienarena den Ton angibt, ist seit der EWR-Abstimmungsschlacht von anno 1992 nicht zu überhören. Mehrere Studien kamen in den letzten Jahren zum Schluss, dass die Volkspartei am meisten mediale Beachtung erhält. Dabei ist der Tenor in den Kommentaren zwar meistens negativ, was zur Küchentisch-Hypothese führt: Es ist egal, ob positiv oder negativ über die SVP berichtet wird, Hauptsache: sie ist Thema.

Die Forscher von gfs.bern haben nun die Wirkung des Parlaments der Jahre 2000 bis 2010 untersucht. Berücksichtigt wurden alle 98 Volksabstimmungen in dieser Zeitspanne sowie 114 relevante Geschäfte, mit denen sich National- und Ständerat auseinandergesetzt hatten. Die Vermutungen, dass die Polarisierung zugenommen und selbst die Arbeit in den Kommissionen erfasst hat, konnte dabei nicht bestätigt werden. Kurz: Die Wirkung, die das Parlament in den Gesetzgebungsprozessen erreichte, ist so gut wie eh und je.

Verblüffend: Die Jahre 2008 und 2009 gehörten aus “gesetzgeberischer Sicht zu den produktivsten”, heisst es in der Forschungsarbeit von gfs.bern. Das ist angesichts des Furors von damals eine Überraschung. Wir erinnern uns: Christoph Blocher wurde als Bundesrat abgewählt, die Hexenjagd auf seine Nachfolgerin Eveline Widmer-Schlumpf begann, die SVP Schweiz schloss ihre Bündner Kantonalsektion aus, die “netten SVPler” spalteten sich zur BDP ab, das Trommelfeuer zermürbte schliesslich Samuel Schmid, zuerst halber SVP-, dann noch für ein paar Monate BDP-Bundesrat.

Just in dieser Phase der selbstdeklarierten “Opposition” der SVP und dem Lärm, der damals veranstaltet wurde, erreichte das Parlament überdurchschnittlich viel Konstruktives. Die gescheiterte 11. AHV-Revision, die immer wieder als Beispiel der totalen Polarisierung erwähnt wird, war eine spektakuläre und medial aufgebauschte Ausnahme. (Eine unheilige Allianz von SVP, SP und Grünen versenkte im Herbst 2010 die 11. AHV-Revision in der Schlussabstimmung aus taktischen Gründen.)

Lesebeispiel: Insgesamt ist die FDP die Partei, die mit 475 Punkten knapp vor der CVP die stärkste Kraft beim Gesetzgebungsprozess in den letzten zehn Jahren war. SP und SVP folgen auf den weiteren Rängen.

 

Spannend ist im Weiteren, dass CVP und FDP bei der gesetzgeberischen Arbeit eine konstant hohe Wirkung erzielen – obwohl ihre Wähleranteile und Sitze seit vielen Jahren sukzessive schwinden. Die SVP wiederum kann ihren elektoralen Erfolg in keiner Weise in eine verstärkte Wirkung umsetzen. Veranschaulicht: Die FDP.Liberalen erreichen mit einem Wähleranteil von 17.7 Prozent 548 indexierte Wirkungspunkte. Die SVP mit 28.9 Prozent hingegen nur 361 Punkte. Befunde, die beruhigen – oder beunruhigen.

Mark Balsiger

Der gesamte Bericht sowie die hochauflösenden Grafiken von gfs.bern zum Herunterladen:

– Bericht: Parlamentswirkung 2000 bis 2010 (PDF)
– Grafik: Parteien pro Jahr (JPG)
– Grafik: Parteien summiert (JPG)

 

Grafiken: gfs.bern

Das Wahlkampfblog und seine Babys

Blogs tauchen auf und verschwinden wieder. Das Wahlkampfblog zählt mit seinen viereinhalb Jahren auf dem Buckel vermutlich zu den etablierten Bonsaimedien, die sich schwergewichtig mit Politik und Medien befassen. In dieser Zeitspanne sind rund 450 Postings und ein paar Tausend Kommentare publiziert worden.

Für vereinzelte Beiträge brauchte ich zum Teil nur gerade zehn Minuten, beispielsweise die Videosequenz um Bundesrat Hans-Rudolf Merz und das Bündnerfleisch im September 2010.  Für andere Postings wendete ich mehrere Stunden auf, in einem Fall sogar mehr als einen Tag (25. April 2011: “Wie Medien die Politik formatieren”, ein Essay). Dass der Bündnerfleisch-Beitrag mehr Klicks errreichte als das Essay muss ich hinnehmen.


Von vielen Surferinnen und Sufern bislang nicht bemerkt, hat das Wahlkampfblog Familienzuwachs erhalten. Zum einen gibt es eine Facebook-Seite, die den Wahlkampf im Internet in den Vordergrund stellt. Schon länger im Netz ist die Facebook-Seite “Wahlkampf – Hintergrund, Tipps und Tricks“. Beide Plattformen bauen wir kontinuierlich auf und aus. Sie sollen einen Mehrwert liefern. Die Postings erfolgen regelmässig, ohne die Fans zuzumüllen. Gesucht sind noch viele Leute, die diese beiden Seiten “liken”.


Das Quartett ist dank meinem persönlichen Twitter-Kanal komplett. Dieser Microblogging-Dienst macht mir seit ein paar Monate zunehmend Freude, fast täglich entdeckte ich Neues. Zugleich ist es eine Herausforderung, maximal 140 Anschlägen zur Verfügung zu haben. Täglich scheitern gehört dazu. Solange das lustvoll geschieht, ist alles in Ordnung.

Die beiden Facebook-Seiten und Twitter ergänzen dieses Blogs, das Angebot soll abgerundet sein und Wissen vermitteln. Das Augenzwinkern gehört auch bei den Wahlkampfblog-“Babys” dazu. Schön wäre es, wenn auch regelmässiger Diskussionen entstünden.

Ende der Nabelschau, einen Tag vor dem 9-Jahre-Jubiläum meiner Agentur erlaube ich mir das.

Bundesratswahlen: Der Sesseltanz um die sieben Sitze (I) – heute: die SP

Heute in genau sechs Monaten muss sich der Bundesrat einer Gesamterneuerungswahl stellen. Nebst dem Rücktritt von Micheline Calmy-Rey), der absehbar ist, geht es dann vor allem um Eveline Widmer-Schlumpf (bdp). An ihrer Zukunft wird sich die Debatte entzünden, unter Umständen könnte es sogar zu einem Systemwechsel kommen. Höchste Zeit für eine erste Auslegeordnung in mehreren Folgen. Heute fokussieren wir auf Calmy-Rey und die SP.

Die Strategen der bedrängten Parteien BDP, FDP und SP wollen den Ball flach halten. Das ist verständlich: Zuerst sollen die eidgenössischen Wahlen über die Bühne gehen, aufgrund der Ergebnisse kann danach die Strategie für die Bundesratswahlen vom 14. Dezember festgelegt werden.

Vordergründig wird den Leuten suggeriert, es gehe am 23. Oktober um eine Richtungswahl. Dies in der Hoffnung, so möglichst viele Sympathisanten der eigenen Partei an die Urnen zu bringen. Das ist legitim. Bloss werden die Verschiebungen nicht so gravierend sein, dass sie am Wahlabend aufzeigen, wie der Bundesrat zusammengesetzt werden muss.

Seit der Einführung der Zauberformel im Jahr 1959 brauchte es für einen Sitz im siebenköpfigen Bundesrat stets mindestens 10 Wählerprozente. Die drei grössten Parteien beanspruchten immer je zwei Sitze für sich, die viertgrösste erhielt einen Sitz. Mehr als 40 Jahre lang blieb die Zusammensetzung stets dieselbe: 2 CVP, 2 FDP, 2 SP, 1 SVP. Bei den Wahlen 1999 rutschte die CVP allerdings auf Platz 4 ab, am 10. Dezember 2003 eroberte Christoph Blocher nach einem regelrechten Krimi den zweiten Sitz für die SVP; Ruth Metzler (cvp) wurde nicht wieder gewählt.

Auf der Hand liegt, dass Micheline Calmy-Rey (Foto) auf Ende dieses Jahres zurücktritt. So kann sie ihr Präsidialjahr ordentlich beenden und hat, dannzumal 66-jährig, acht Jahre in der Landesregierung hinter sich. Dass sie der SP zuliebe länger bleibt, wie ich im letzten Herbst einmal mutmasste, dürfte kaum eintreffen. Sie erzielte im letzten Dezember für das Präsidium nur gerade 106 Stimmen – ein blamables Resultat. Die Botschaft dieses Warnschusses: “Es reicht. Eine nochmalige Kandidatur würden wir nicht mehr goutieren.”

Ein vorzeitiger Rücktritt – im Stil von Otto Stichs Husarenstück im Spätsommer 1995, der der SP einen famosen Wahlsieg ermöglichte -, liegt nicht in der Luft. Seine unmittelbaren Folgen wären vermutlich sogar kontraproduktiv: Der Calmy-Rey-Nachfolger müsste damit rechnen, nach seiner Wahl Ende September zweieinhalb Monate später bereits wieder abgewählt zu werden.

Die Grosswetterlage, eine Mitte-Rechts-Allianz sowie eine Wahlschlappe, die die SP am 23. Oktober einfahren müsste, wären die drei entscheidenden Kriterien, um den Sozialdemokraten den zweiten Sitz streitig zu machen.

Als ausgemacht gilt bei der SP, dass ein Mann aus der Romandie die Nachfolge von Calmy-Rey antreten soll. Gehandelt werden die Namen von Alain Berset (SR, FR), Christian Levrat (NR, FR) sowie Pierre-Yves Maillard (Regierungsrat, VD, 1999 bis 2004 NR).

Mark Balsiger

Ergänzung vom 15. Juni: Auch die “Aargauer Zeitung” spekuliert über einen Rücktritt von Bundesrätin Calmy-Rey:

Calmy-Rey entscheidet nach den Ferien (15. Juni; PDF)

Fotos:
– Sesseltanz: brg14.at
– Micheline Calmy-Rey: kim88

Die Emanzipation des Bundesrats

GAST-BEITRAG von Patrik Müller *

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«WER REGIERT DIE SCHWEIZ?» So lautet der Titel des viel beachteten Buches, das der Publizist Hans Tschäni im Jahr 1983 schrieb.
Er kam, vereinfacht gesagt, zum Schluss: Es sind die Lobbyisten aus Banken, Industrie und Landwirtschaft, die in Bern das Sagen haben. Die Politiker sind bloss ihre Marionetten.

JA, DIE WIRTSCHAFT zeigte in der Schweiz, dem bürgerlichsten Land Europas, jahrzehntelang, wos langgeht. Wenn Economiesuisse, der Dachverband der Unternehmen (der früher Vorort hiess), mal entschieden hatte, dann spurten Bundesrat und Parlament. Und am Schluss – nicht immer, aber meistens – auch das Volk, dank der millionenschweren Abstimmungs-Kampagnen, für welche die Unternehmen ihre Schatullen öffneten.

SO FUNKTIONIERTE DIE SCHWEIZ bis vor kurzem, und diese «Filzokratie» (Tschäni) wurde zum Erfolgsmodell. Was gut ist für die Wirtschaft, ist gut für das Land. Die Linken konnten diese Gleichung noch so lange verteufeln, sie drangen beim Volk damit nicht durch. Denn die Bürger merkten, dass es ihnen tatsächlich immer besser ging.

BEISPIELE DAFÜR, wie die Wirtschaft die Politik bestimmte, gibt es zuhauf. In den 70er-Jahren, als der Bundesrat wegen der Ölkrise ein neues Energiekonzept ausarbeitete, berief er Michael Kohn zum Präsidenten der Expertenkommission. Kohn, der seither «Energiepapst» genannt wird, war für die atomnahen Unternehmen Motor-Columbus und Atel tätig. Initiativen für einen besseren Mieterschutz wurden abgelehnt, Vorstösse für tiefere Unternehmenssteuern angenommen. Die Mutterschafts-versicherung hatte so lange keine Chance, bis die Wirtschaftsverbände kehrten und 2004 ein Ja empfahlen. Erst dann kam sie in der Schweiz durch, als letztem Land in Europa.

DIE GLOBALISIERUNG verstärkte die Dominanz der Wirtschaft zusätzlich. Die Unternehmen begannen ab den 90er-Jahren, Standorte und damit Staaten gegeneinander auszuspielen. Dadurch verlor die nationale Politik ihre Gestaltungskraft. Die CEOs sagten cool: Wenn ihr dieses Gesetz verschärft, dann verlagern wir anderswo hin. Diese Dominanz mündete in Arroganz: «Was die Politik von der Wirtschaft lernen muss», lautete der imperative Titel eines Essays, das im Jahr 2000 der damalige CS-Chef Lukas Mühlemann im «Magazin» schrieb.

NUN ABER GESCHIEHT UNERHÖRTES: Der Bundesrat, zumindest seine Mehrheit, folgt der Befehlsausgabe der Wirtschaft nicht mehr. Und dies ausgerechnet in zwei zentralen Themen. Erst liess die Regierung die einflussreichen Grossbanken UBS und CS abblitzen. Vergeblich lobbyierten diese gegen strenge «Too big to fail»-Regeln. Nicht einmal die bewährte Drohung «sonst ziehen wir ins Ausland» wirkte diesmal. Und auch mit den Privatbanken legt sich der Bundesrat an, indem er Gelder arabischer Potentaten neuerdings sehr schnell sperrt, was Julius-Bär-Präsident Raymond Bär im «Sonntag»-Interview scharf kritisiert.

DANN KAM DER MITTWOCH, 25. Mai, der Tag, an dem der Bundesrat den Atomausstieg beschloss. Es ist eine Kehrtwende in der Energiepolitik um 180 Grad, die gegen den Willen von Economiesuisse und gegen den Willen der Stromkonzerne erfolgte. Auf einen Schlag war ein jahrzehntelanges, mit Dutzenden Millionen gespeistes Atomlobbying zunichte. Eine Sensation, die den Präsidenten von Economiesuisse, Gerold Bührer, fassungslos machte: «Oberflächlich, unseriös, übers Knie gebrochen» sei der Entscheid, schnaubte er. Der Chefredaktor der «Basler Zeitung» erklärte den Entscheid verzweifelt mit der «fast esoterischen Selbstsicherheit» der «vier Frauen im Bundesrat».

ES IST EIN NEUES GEFÜHL für Wirtschaftsvertreter, vom Bundesrat die kalte Schulter gezeigt zu bekommen. Und dann noch von vermeintlich Verbündeten! Dass die als «Atom-Doris» verschriene CVP-Ministerin Leuthard die Energiewende innerhalb von wenigen Monaten vollzog – was SP-Mann Moritz Leuenberger 15 Jahre lang nicht gelang –, versetzte die Stromwirtschaft in einen Schockzustand. Wer so etwas vor einem halben Jahr vorausgesagt hätte, wäre für verrückt erklärt worden.

DIE EMANZIPATION DES BUNDESRATS von der Wirtschaft ist historisch. Herbeigeführt wurde sie allerdings nicht aktiv, sondern als Reaktion auf zwei äussere Ereignisse: Die weltweite Finanzkrise mit dem Beinahe-Crash der UBS machte möglich, dass der Bundesrat sich von den Grossbanken lossagte. Und die Atomkatastrophe von Fukushima brachte die Bundesrätinnen Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf zum Umdenken, was dann mit der SP eine 4:3-Mehrheit für den Ausstieg ergab.

WER REGIERT DIE SCHWEIZ? Offenbar nicht mehr die Wirtschaft, sondern die Politik, lautet die neue, aber vorläufige Antwort. Ob die strengen Bankenregeln wirklich kommen, ob der Atomausstieg tatsächlich vollzogen wird: Das ist offen. Denn im Parlament ist der Einfluss von Bank- und Stromwirtschaft noch immer gewaltig. Die Bundesratsentscheide könnten im National- und vor allem im Ständerat noch umgestossen werden.

DASS DIES ABER UNWAHRSCHEINLICH ist, liegt an der Stimmung im Volk: Es hat sich schon früher als der Bundesrat von der Wirtschaft emanzipiert, wie vor gut einem Jahr das haushohe Abstimmungs-Nein zu Rentenkürzungen in der Pensionskasse zeigte. Und heute scheint eindeutig: Das Volk will scharfe Bankenregeln, und es will keine neuen AKW.

BLEIBT DIE FRAGE: Ist es nun eigentlich gut, dass die Wirtschaft der Politik nicht mehr sagen kann, wos langgeht? Als Demokrat muss man die Frage mit Ja beantworten. Gleichzeitig aber wissen wir: Dass unser Wohlstand so gross ist, dass unsere Arbeitslosenquote und unsere Steuern so tief sind, hängt eben auch damit zusammen, dass Wirtschaft und Politik miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Deshalb sollten sie nun gemeinsam die Chancen nutzen, die sich aus dem Atomausstieg ergeben.

ES IST GUT, wenn die «Filzokratie» verschwindet. Der Pragmatismus aber muss bleiben.

* Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitung „Sonntag“. Sein Leitartikel erschien in der Ausgabe vom 29. Mai 2011. Die Publikation im wahlkampfblog erfolgt nach Rücksprache mit dem Autor.

Foto Patrik Müller: radio 1.ch

Volksvorschlag und Stichfrage oder Das Kreuz mit dem Kreuzchen

In den guten alten Zeiten konnte das Stimmvolk zu einer Abstimmungsvorlage jeweils Ja oder Nein sagen – und damit hatte es sich. Seit der Volksabstimmung vom 5. April 1987 ist es auf eidgenössischer Ebene mehrschichtig und etwas komplizierter geworden: Das Parlament kann nämlich einer Volksinitative, die dank mindestens 100’000 Unterschriften zustande gekommen ist, einen sogenannten Gegenvorschlag (auch Gegenentwurf genannt) erarbeiten.

Dem Volk werden in solchen Fällen zwei Vorschläge unterbreitet, ergänzt mit einer Stichfrage. Diese kommt zum Zug, wenn beide Vorlagen angenommen werden, also ein doppeltes Ja resultiert. Der Haken: das Kreuzchen bei der Stichfrage wird oft vergessen.

Volksrechte fordern: Wird das Kreuzchen bei der Stichfrage vergessen, gilt sie als nicht beantwortet. Gestern “vergassen” rund 6200 Berner die Stichfrage – überfordert? (Musterstimmzettel: energievernunft.ch)

In den Kantonen Bern, Nidwalden und Zürich wurden die Volksrechte in den letzten Jahren ausgebaut. Dort kann einer Abstimmungsvorlage des kantonalen Parlaments jeweils eine modifizierte Vorlage gegenübergestellt werden. Der Meccano ist derselbe wie bei einem Referendum: Es müssen zunächst Unterschriften für diese modifizierte Vorlage gesammelt werden: Im Kanton Bern braucht es zum Beispiel mindestens 10’000 (innerhalb von 3 Monaten), in Nidwalden 250 Unterschriften (innerhalb von 60 Tagen).

Die Instrumente sind vergleichbar, heissen aber in den drei Kantonen anders:

– BE: Volksvorschlag (oder konstruktives Referendum)
– NW: Gegenvorschlag
– ZH: Gegenvorschlag von Stimmberechtigten

Der Begriff Volksvorschlag dürfte gestern unter den Berner Akteuren Unmut ausgelöst haben. Bei der Abstimmung über das kantonale Energiegesetz setzte sich ebendieser Volksvorschlag mit fast 68 Prozent Ja-Stimmen sehr deutlich durch. (Er unterschied sich in zwei relevanten Punkten von der Abstimmungsvorlage des Parlamentes.)

In einem Tweet lamentiert jemand:

“Woher hat der Volksvorschlag seinen Namen? […] Allein der Begriff ist abstimmungsverfälschend.”

Diese Einschätzung scheint mir überzeichnet. In der Tat suggeriert allerdings der Name, dass irgendjemand aus dem Volk die Bürde auf sich nimmt, Unterschriften für eine modifizierte Vorlage zu sammeln. Dabei waren es beim Energiegesetz die Wirtschaftsverbände, die Know-how, Zeit und Geld für die Unterschriftensammlung und die Abstimmungskampagne anzapften. In anderen Fällen waren Gewerkschaften oder Parteien die treibenden Kräfte hinter den Volksvorschlägen.

Unvergessen und gleichzeitig erhellend bleibt die Abstimmung über die Senkung der Motofahrzeugsteuer vom 13. Februar 2011: Damals stimmten

– 52,7% für die Vorlage des Parlaments
– 50,4% für den Volksvorschlag

In der Stichfrage obsiegte allerdings der Volksvorschlag – mit einem Zufallsmehr von 134 Stimmen. Rund 20’300 Stimmberechtigte (6 Prozent!) machten bei der Stichfrage kein Kreuzchen – aus Nachlässigkeit, Vergesslichkeit – oder weil sie schlicht überfordert waren.

Mark Balsiger

Label-Parteien sind en vogue

Wählt Felix Muster Partei A, weil das sein Vater und Grossvater schon so hielten? Wechselt er zu Partei B, weil diese Themen bewirtschaftet, die Herr Muster als vordringlich erachtet? Entscheidet er sich für Partei C, deren Kampagne ihn am besten anspricht? Kommt Partei D zum Zug, weil sie den besten Bundesrat in ihren Reihen hat? Entscheidet sich Herr Muster für Partei E, weil er lieber zu den Siegern zählt? Oder Partei F, affektiv? Oder Partei G, weil er den Erfolglosen helfen möchte?

Die Wählerforschung ist in den letzten Jahrzehnten grundsätzlich gut vorangekommen. Dabei ist beispielsweise das sozial-psychologische Modell meines Erachtens so einfach wie überzeugend:


Das sozial-pschologische Modell als PDF-Dokument

Beim Bestreben, den Wahlerfolg eines einzelnen Kandidaten erklären zu können, erarbeitete ich 2006 die Basis für das 26-Erfolgsfaktoren-Modell. Dieses kann für Parteien allerdings nicht angewendet werden. Aus diesem Grund ergänze ich das sozial-psychologische Modell, das im Jahr 1981 entwickelt wurde, nun mit zwei neuen Elementen. Demnach fällt die Wahlentscheidung nicht nur wegen der Parteiidentifikation, Themen oder Kandidaten, sondern auch wegen Werten und dem Label.

Dieses neue Modell, das ich vor einem Jahr einmal zu entwickeln begann, die Fertigstellung aber immer wieder hinausschob, nennen wir vorläufig Post-Parteiidentifikations-Modell.

Das Post-Parteiidentifikations-Modell als PDF-Dokument zum Herunterladen.

GLP und BDP sind typische Label-Parteien und derzeit en vogue. Sie entstanden aus Abspaltungen von den Grünen (2004) bzw. der SVP (2008). Sie wirken frisch und unverbraucht, und sie ziehen auch Parteiunabhängige und sogar bislang Politikabstinente an. Ob diese Magnetwirkung anhält, ist offen. Zur Kategorie der Label-Parteien zählt auch die SVP. Sie schafft es mit einem Mix aus raffiniertem Marketing, Provokationen, Geld, Medienpräsenz und populären Schlüsselfiguren als Partei mit klaren Botschaften und Positionen wahrgenommen zu werden. Image hat eine zentrale Bedeutung für alle drei Parteien.

Die SVP gehört zugleich auch zu den Themen-Parteien – zusammen mit den Grünen (Umwelt) und der SP (Sozialpolitik). Stehen Umweltthemen weit vorne auf der politischen Agenda, profitieren die Grünen elektoral, sind soziale Fragen im Brennpunkt, kann die SP zulegen. Bei SP und Grünen lässt sich seit jeher ein Auf und Ab in der Wählergunst beobachten.

Die historischen Parteien CVP und FDP, die seit 1983 kontinuierlich Wähleranteile verlieren, sind Köpfe-Parteien. Sie verfügen gerade in den Kantonen und Gemeinden über viele fähige und bekannte Mandatsträger. In der öffentlichen Wahrnehmung schaffen es die beiden Parteien aber nicht mehr, ihre Themen erfolgreich zu präsentieren und dauerhaft im Gespräch zu halten.

CVP und EVP sind Werte-Parteien, die sich stark an der christlichen Ethik orientieren.

Das wäre mal eine Auslegeordnung, jetzt bin ich gespannt auf Ihre Kritik und Ergänzungen.

Mark Balsiger

Grafik: Thomas Hodel