Christophe Darbellay, der falsche Doppelgänger

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GAST-BEITRAG

Von Michael Hermann*

Der Wirbel, den Christophe Darbellay letzte Woche mit der Forderung nach einem Verbot von Separatfriedhöfen und den folgenden überschwänglichen Entschuldigungsgesten auslöste, zeigt idealtypisch, wie der CVP-Präsident seine politische Arbeit versteht: Hauptsache agieren, Hauptsache auffallen. In einer fehlgeleiteten Logik versteht er Politik als ein Spiel, das gewinnt, wer am meisten in den Medien erscheint und dort egal wie für Aufmerksamkeit sorgt.

Für Popstars und Ex-Missen mag dieses Rezept verfangen, für all jene, die nicht bloss sich selbst, sondern ein Produkt wie zum Beispiel eine Partei vermitteln müssen, zielt dieser Ansatz jedoch fatal daneben. Talentierte politische Kommunikatoren wie Barack Obama erkennt man daran, dass sie authentisch und glaubwürdig etwas verkörpern – im Fall von Obama ein wärmeres und offeneres Amerika – und mit eiserner Disziplin an der Entwicklung ihrer öffentlichen politischen Identität arbeiten.

Erst schiessen, dann überlegen

Einst wurde Darbellay zum Nachfolger von Doris Leuthard gewählt, weil man in ihm, dem jungen, attraktiven und mediengewandten Agronomen, den männlichen Doppelgänger der Erfolgspräsidentin vermutete. Doch während Leuthard als Parteipräsidentin es schaffte, die moderne Frau der gesellschaftlichen Mitte zu verkörpern, die bürgerliche Grundwerte mit sozialer und ökologischer Aufgeschlossenheit verbindet, verkörpert Darbellay vor allem eins, nämlich sich selber, den Husarenreiter, der in der Regel erst schiesst und dann überlegt, wohin er zielen will.

Für keine Schweizer Partei wäre eine identitätsstiftende Führungsfigur wichtiger als für die CVP, die aufgrund ihrer historisch bedingten Uneinheitlichkeit und ihrer Position in der Mitte des politischen Spektrums eh schon schwer zu fassen ist. Doch genau das schafft Darbellay mit all seinem Aktivismus nicht. Er wird zwar wahrgenommen. Weil man bei ihm zumindest gegen aussen keinen festen Wertekompass erkennen kann, stiftet er aber keine Identität. Statt wie einst Leuthard nach Mitte-rechts und zugleich nach Mitte-links als positive Identifikationsfigur wahrgenommen zu werden, schafft es Darbellay, dass ihn weder die eine noch die andere Seite als einen der Ihren sieht.

Zuversicht der CVP verflogen

Dass die grosse Zuversicht, die in der Partei unter Leuthards liberal-sozialem Aufbruch herrschte, verflogen ist, hat verschiedene Gründe. So tummeln sich in der Mitte mit den Grünliberalen und der BDP zwei neue Parteien, die im selben schmalen Teich nach Wählern fischen. Ebenso kann sich die CVP seit der Blocher-Abwahl nicht mehr so leicht als bürgerliche Alternative präsentieren. Doch ein wichtiger Anteil an der Krise geht direkt auf Darbellay zurück: Mit seinem selbstgefälligen Auftritt bei der Fernseh-Doku zur Blocher-Abwahl hat er seine Partei in den Stammlanden auf die Abschussliste gebracht, und mit seinem Vorpreschen nach dem Rücktritt von Couchepin trieb er sie bei der Bundesratswahl in die Falle. Dass der Walliser trotz seiner vergaloppierten Ausritte als Präsident noch immer fest im Sattel sitzt, macht klar, dass er mit seinem Verständnis von politischer Kommunikation in seiner Partei nicht alleine ist. Der Glaube ans Prinzip «Hauptsache wahrgenommen werden» ist dort weit verbreitet. Dass die Medien relativ glimpflich mit ihm umgehen, hat dagegen damit zu tun, dass er ein Garant für gute Stoffe ist.

Wie unheilvoll das Wertevakuum im Zentrum der christlichen Wertepartei ist, wird gerade im Nachgang zur Minarettabstimmung überdeutlich. Wie vom Blitz getroffen, kippten CVP-Exponenten nach allen Seiten um – zuallererst ihr Präsident. Sicher ist dabei nur eins, nämlich, dass so an der Basis sowohl jene, die gegen, als auch jene, die für die Initiative waren, vor den Kopf gestossen werden. Dabei wäre gerade jetzt, da sich das Land wieder einmal in zwei unversöhnliche Lager zu spalten droht, eine Stimme für all jene wichtig, die ein Unbehagen mit dem Islam haben, die das Ja aber genau als das und nicht als Aufruf zu einem Kreuzzug gegen die Religionsfreiheit verstanden haben wollen.


* Michael Hermann ist Sozialgeograf und Leiter der Forschungsstelle Sotomo an der Universität Zürich. Sein Text ist im “Tages-Anzeiger” und “Bund” von heute erschienen. Die Übernahme im Wahlkampfblog erfolgt nach Rücksprache mit dem Autor.

Zum Thema:

Christophe Darbellay: Auch seine Karriere ist auf Sand gebaut
(7. Juni 2008, wahlkampfblog)

Nachtrag vom 29. Januar 2010:

Jean-Martin Büttner befasst sich in “Bund” und “Tages-Anzeiger” auch mit Christophe Darbellay:

Wie ein Flipperkasten lässt er die Kugeln tanzen (29.01.2010; PDF)

Foto Michael Hermann: unipublic-uzh.ch

Minarett-Nachbeben: Ko-Initiantin räumt ein, dass es nicht um Betontürmchen ging

barbara_steinemann_svp_zh_large_zh_chEhrlichkeit ist nicht die ständige Begleiterin der Politik. Umso bemerkenswerter, was Barbara Steinemann, Zürcher Kantonsrätin (svp), heute mit verblüffender Offenheit preisgab. (Präziser: sie bestätigte, was seitens der Initiativ-Gegner schon lange ins Feld geführt wurde.)

Steinemann hatte im April 2006 eine parlamentarische Initiative mit dem Titel “Bauverbot von Minaretten” eingereicht. Der Kantonsrat lehnte ihren Vorstoss im Juni 2008 mit einem Verhältnis von 2:1 ab. Er legte aber den Grundstein für die nationale Volksinitiative, die das Egerkinger Komitee lancierte.

Aber zurück zur verblüffenden Ehrlichkeit. Barbara Steinemann, Ko-Initiantin der Volksinitiative, deren Ausgang seit Sonntag die Wogen hoch gehen lässt, sagte heute im “Tages-Anzeiger”:

“Uns ging es gar nicht um die Minarette, das sind bloss Betontürmchen.” Man habe bewusst versucht, eine Stellvertreterdiskussion anzustossen, einen Islamdiskurs anzuregen. “Wir konnten ja keine Initiative einreichen mit dem Titel: keine Extrawürste für Muslime.”

Foto Barbara Steinemann: zh.ch

Anti-Minarett-Initiative: Dank Nährboden, Medien und schwachen Gegnern gewonnen

minarett_lead_138730651256630723Volksinitiativen haben einen schweren Stand. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass seit 1891 nur gerade eine von zehn Initiativen angenommen wurde. Dass die Anti-Minarett-Initiative mit einem Ja endet, und das sehr deutlich, ist eine dicke Überraschung.

Normalerweise baut sich die Unterstützung für Volksinitiativen während den Abstimmungskampagnen sukzessive ab. Bei der Anti-Minarett-Initiative geschah das Gegenteil. Sie ist damit eine von drei Ausnahmen in den letzten 20 Jahren – nebst der Armeeabschaffungs-Initiative von 1989 und der Asyl-Initiative von 2002 (die allerdings trotzdem beide abgelehnt wurden).

Bei der letzten Umfrage, die vor drei Wochen gemacht wurde, standen sich 37% Ja und 53% Nein gegenüber (bei 10% Unentschlossenen). Die Befürworter haben also in der Zwischenzeit rund 20% zugelegt. Dieser Befund bringt der Demoskopie, die in der Schweiz noch immer um Anerkennung ringt, und insbesondere gfs.bern Kritik ein.

Ich plädiere für Fairness und die Einbettung in einen längeren Zeithorizont: Die allermeisten Umfragen und Hochrechnungen, die gfs.bern in den letzten Jahren gemacht hatte, waren präzis. Die hohe Trefferquote lässt sich noch heute jederzeit verifizieren. Der letzte echte “Fehltritt” liegt 10 Jahre zurück: Bei den eidgenössischen Wahlen 1999 wurde der SP noch am Abstimmungssonntag ein deutlicher Verlust prognostiziert. Schliesslich legte sie aber 0,7% zu.

Es liegt für mich auf der Hand, dass ein Teil der Befragten nicht ehrlich Auskunft gab. Man werde Nein stimmen, sagten viele im Vorfeld, warf an der Urne aber ein Ja ein. Die Demoskopen wissen um diese Problematik. Bei Wahlprognosen wird deshalb eine Gewichtung vogenommen, nicht aber bei Abstimmungsprognosen.

Die diffusen Ängste rund um den Islam, die seit Jahren vorhanden sind, konnten in den letzten Monaten nicht reduziert werden. Im Gegenteil: sie wurden noch verstärkt. Das hat viel mit dem Boden zu tun, der in der Schweiz seit Jahrzehnten regelmässig beackert und genährt wird. Den Auftakt machte die Schwarzenbach- bzw. Überfremdungs-Initiative von 1970. Es ist der Nährboden, auf dem die Saat gegen das Fremde, gegen das Andere aufgeht.

Zwei weitere Gründe, die zu diesem deutlichen Ja geführt haben:

Erstens, die Gegner der Anti-Minarett-Initiative: Sie kämpften wenig entschlossen, die Wirtschaft stand abseits und investierte weder Zeit noch Geld in eine Nein-Kampagne. Ich erinnere mich an kaum eine bekannte Person, die in den letzten Monaten beherzt für ein Nein eingestanden wäre.

Viele Politikerinnen und Politiker wähnten die Sache “im Trockenen”, die Wobmanns und Wabers des Egerkinger Komitees wurden nicht ernst genommen, zumal Schlüsselfiguren der SVP wie z.B. Nationalrat Peter Spuhler sich für ein Nein ausgesprochen hatten. Beklemmend: die einzigen Parteien, die die Ja-Parole beschlossen hatten, erreichen zusammen einen Wähleranteil von 30,7% (SVP: 28,9%, EDU: 1,3%, Lega: 0,5%). Heute sagten aber 57% Ja zur Initiative. Da sind die Schäfchen von mehr als einer grossen etablierten Partei ausgeschert. Wir dürfen im Januar die VOX-Analysen mit Spannung erwarten.

Zweitens, die Medien: Sie übernahmen weitgehend das Vokabular der Befürworter. Sie agierten so, wie es im Drehbuch des Egerkinger Komitees stand. Sie fuhren das umstrittene Plakatsujet während Wochen gross und brachten so die Empörungsspirale sofort in Bewegung, ohne das über den Inhalt der Initiative diskutiert worden wäre. Das war Gratis-Propaganda in Millionenhöhe, wie wir es bei einem Abstimmungskampf kaum einmal erlebt haben. Transportiert und verstärkt haben die Medien auf diese Weise vor allem die Angst vor einer angeblichen Islamisierung.

Es wird noch kälter in unserem Land.

Mark Balsiger

Zum Thema:
– Kommentar NZZ: Ein Zeichen – keins von Selbstvertrauen
– Kommentar “Schaffhauser Nachrichten”: Man haut den Sack und meint den Esel
– Augenreiberei (Blog): Schöne heile Schweiz
– Thinkabout (Blog): Schweizer gegen Minarette – wie umgehen damit?

Foto des Minaretts in Genf: Reuters

Fraktionsbeiträge sind kein Geldregen, sondern gut investiert

geld_fraktionsbeitrage_small200_image-schweiz-chParteien sind in der Schweiz keine mächtigen Akteure. Ihre untergeordnete Stellung lässt sich mit einem nüchternen Fakt aufzeigen: Erst in der 1999 revidierten Bundesverfassung fand der Begriff “Partei” Unterschlupf, zuvor gab es ihn in der “Bibel der Schweizer Politik” 151 Jahre lang gar nicht.

Auch auf nationaler Ebene verfügen die Parteizentralen, die 1972 geschaffen wurden, nur über sehr bescheidene personelle Ressourcen. Die Generalsekretariate der vier grössten Parteien (SVP, SP, FDP, CVP) können je zwischen 8 und etwa 12 Vollzeitstellen besetzen. Aufgrund der Krise mussten in diesem Jahr zwei Generalsekretariate nach eigenen Angaben sogar Stellen abbauen.

Die Parteien in der Schweiz finanzieren ihren Betrieb hauptsächlich über vier Kanäle:

– Mitgliederbeiträge
– Spenden
– Abgaben von Mandatsträgern
– Fraktionsbeiträge

Die Fraktionsbeiträge wurden in den letzten Jahren für die Parteien existenziell. Fast alle sind überaltert – die Mitglieder sterben weg und es fliessen weniger Spenden. So beschloss der Nationalrat gestern abschliessend, die Fraktionsbeiträge zu erhöhen. Die mediale Verkürzung, dass neu rund 7,5 Millionen statt 5 Millionen Franken flössen, führt zu einer verzerrten Wahrnehmung. Teilweise war das zweifellos gewollt. Doch “langen” die Räte “schamlos” zu, wie vereinzelt kritisiert wurde, kann man wirklich von einem Geldregen sprechen?

Jede der insgesamt sechs Fraktionen erhält einen Fixbeitrag von jährlich 144’500 (bislang 94’500) Franken. Zudem werden pro Fraktionsmitglied in Zukunft 26’800 Franken (bisher 17’500) Franken überwiesen. Dieses Geld fliesst aber nicht in die Taschen der Politiker, sondern es geht an die Fraktionen.

Der Umgang mit dieser staatlichen Subvension ist unterschiedlich: Es gibt Fraktionen, die den gesamten Betrag an die Parteizentralen weiterleiten. Andere wenden einen Verteilschlüssel an und behalten einen Teil für die Aufwendungen des Fraktionssekretariats. Für eine Vollzeitstelle (Fraktionssekretär, wissenschaftliche Mitarbeiterin) werden insgesamt etwa 150’000 Franken pro Jahr eingesetzt. In jedem Fall können die Parteien so wenigstens einen Minimalbetrieb sicherstellen.

Vor diesem Hintergrund ist die Kritik und die angedrohte Volksinitiative der SVP nur schwer verständlich. Im internationalen Vergleich wird der parlamentarische Betrieb der Schweiz nur mit Almosen unterstützt. Die Überzeugung, dass er auch auf antionaler Ebene weiterhin im Milizsystem funktionieren müsse, hält sich hartnäckig. Was Wunder, verliert das Parlament kontinuierlich an Einfluss, ja es ist oftmals heillos überfordert.

Auflistung der Summen, die die Fraktionen erhalten:

– SVP:   1,91 Mio. Franken (bislang 1,25 Mio.)
– CVP/EVP/glp:   1,54 Mio. (bislang 1 Mio.)
– SP:   1,51 Mio. (bislang 987’000 Franken)
– FDP.Die Liberalen:   1,4 Mio. (bislang 917’000)
– Grüne:   787’000 (514’000)
– BDP:   305’000 (—-)

Bild: image-schweiz.ch

Vom Auf- und Abstieg von Rita Fuhrer

rita_fuhrer_tagblatt1_smallDie Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer (svp) tritt im Frühling 2010 zurück. Das hat sie heute Morgen an einer Medienkonferenz bekanntgegeben. Dann wird eine atypische politische Karriere zu Ende gehen.

Ich erinnere mich gut an Fuhrers Wahlkampf im Jahr 1995: Die damals 42-Jährige war im Kantonsrat eine Hinterbänklerin, ihre Nomination eine Überraschung. Freund und Feind nahmen sie nicht ernst. Ihr bescheidener Schulsack und das unscharfe politische Profil wurden immer wieder kritisiert. “Nette Verpackung ohne viel Inhalt” – dieser Vorwurf begleitete sie wie ein Schatten. Bis zum Wahltag.

Zur Überraschung vieler Beobachter schaffte sie den Sprung in die Regierung. Kaum im Amt meisterte sie die Polizeiaffäre um den Kommandanten Eugen Thomann sowie den Polizeihauptmann Hansjörg Spring mit Bravour. Freund und Feind hätten ihr das nicht zugetraut. Mit einem Mix aus unbändigem Arbeitswille, Durchsetzungsvermögen, Charme und politischer Intuition erkämpfte sie sich Anerkennung und Respekt. Die Zürcher liebten die volksnahe Strahlefrau – “lovely Rita” war geboren.

Für die SVP war Fuhrer, übrigens eine Politikerin von Blochers Gnaden, ein Glücksfall. Sie war in den Neunzigerjahren das sympathische und populäre Aushängeschild der Volkspartei im bevölkerungsreichsten Kanton. Die SVP verzeichnete damals ein kräftiges Wachstum: Die Knochenarbeit im Hintergrund leisteten Hans Fehr und Ulrich Schlüer, Autoimporteur Walter Frey butterte viel Geld in Kampagnen und “Buurezmorge”, Christoph Blocher war die Kristallisationsfigur für Parteigänger, Medien und Öffentlichkeit.

Im Dezember 2000 wurde Rita Fuhrer von ihrer Partei als Bundesratskandidatin nominiert, zusammen mit dem Thurgauer Regierungsrat Roland Eberle. Es galt damals, Adolf Ogi zu ersetzen. Das Eidgenössische Parlament entschied sich im sechsten Wahlgang für jemand anderes: den Berner Ständerat Samuel Schmid.

Rückblickend erreichte Fuhrer in dieser Phase den Klimax ihrer politischen Laufbahn; 1999 war sie mit dem besten Ergebnis als Regierungsrätin bestätigt worden. Nach der Nichtwahl in den Bundesrat begann der sachte Abstieg. Abnützungserscheinungen schlichen sich ein, sie verlor zunehmend an Glanz. Mit dem Wechsel in die Volkswirtschaftsdirektion anno 2004 musste sie das heikle und unpopuläre Flughafendossier  übernehmen. Die Verteilung des Fluglärms war emotional aufgeladen, die Atmosphäre vergiftet – eine Mission impossible, auch für sie.

In den letzten Jahren nahm man Rita Fuhrer als vergleichsweise glanzlos, dafür zunehmend als machtbewusst wahr. Es kam zu überdurchschnittlich vielen Wechseln und Zerwürfnissen in ihren Direktionen, Fuhrer legte sich mit den Medien an, sie regierte intern heftig auf Kritik. Mit Regierungskollegin Dorothée Fierz – es ging um die Neuorganisation des Tiefbauamts – lieferte sie sich einen wüsten Streit. Fierz musste in der Folge 2006 zurücktreten, Fuhrers Instinkt rettete sie vor demselben Schicksal. Bei den Wahlen 2007 erreichte sie aber nur noch Platz 7.

Im März dieses Jahres erlitt Fuhrer eine schwere Lungenentzündung. Im Juni wurde sie auf dem Fahrrad von einem Auto angefahren und brach sich dabei mehrere Rippen. Ihr Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen ist vor diesem Hintergrund richtig.

Nachtrag von 18 Uhr: Den Kommentar zu Fuhrers Rücktritt der NZZ gibt es hier.

Foto Rita Fuhrer: tagblatt

Hans-Rudolf Merz und die Erfolgsmeldung

Sprachregelungen sind “Anker”, gerade wenn die Medien Blut riechen oder ein Sturm aufkommt – so wie in der Libyen-Affäre. Gestern Abend noch hiess es, das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) bzw. der Bundesrat werde sich erst wieder verlauten lassen, wenn die beiden Schweizer Geschäftsleute, die seit rund 12 Monaten in der Schweizer Botschaft in Tripolis festsitzen, im Flugzeug Richtung Schweiz unterwegs seien.

calmy_rey_und_merz_1Nach der Bundesratssitzung wurde ein knappen Communiqué verbreitet mit dem Inhalt, dass die Landesregierung von Merz und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey über den aktuellen Stand der bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Libyen informiert worden seien. Das ist, pardon, “Gähn” – niemand wollte das wissen.

Vor einer knappen Stunde nun ein neues Communiqué aus dem EFD. Die beiden Geschäftsleute hätten nun ein Ausreisevisum erhalten, heisst es. Damit sind sie zwar noch lange nicht in der Heimat, ihr aber immerhin ein Schrittchen näher. Dass die Sprachregelung innerhalb von weniger als 24 Stunden geändert wurde,  lässt darauf schliessen, dass der mediale Druck zu gross ist. Man musste eine “Erfolgsmeldung” absetzen, die Volksseele kocht, die Medien heulen.

Kaum ungeschoren wird Micheline Calmy-Rey davonkommen. Noch konzentrieren sich aber fast alle auf Hans-Rudolf Merz. Er muss sich warm anziehen. Böse Kommentare und Wortspiele schiessen ins Kraut. Ein Beispiel: Kriegen wir für unseren alten Merz noch eine Abwrackprämie?

Mark Balsiger

Archivfoto Micheline Calmy-Rey und Hans-Rudolf Merz: keystone

Das politische System der Schweiz: eigentümlich oder einzigartig?

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Geoff Mungham schaute mich lange an. Der Politologieprofessor, der mich bei meiner Abschlussarbeit an der Uni Cardiff (GB) betreute, deutete auf das Papier vor sich. “Does it work?”, fragte Mungham. Auf 15 Seiten hatte ich das politische System der Schweiz zusammengefasst. So wie er fragte, schwang die Antwort schon mit.

In den letzten Jahren hörte ich im Ausland dieselbe Frage immer wieder. Und bei Diskussionen beschlicht mich oft das Gefühl, dass man der Schweiz insgeheim das Etikett als politisch “exotisches Alpenparadies” umhängt.

Does it work, funktioniert unser eigentümliches System? Diese Frage darf uns am Vorabend des Nationalfeiertags beschäftigen – oder gerade auch im Kontext mit der Bundesratsersatzwahl von Mitte September.

SCHWEIZ BUNDESRATSFOTO 2009

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das politische System unseres Landes ist gekennzeichnet von Besonderheiten, die man weltweit nirgendwo findet. Ein paar herausstechende Merkmale:

– Die 246 Mitglieder des Eidgenössischen Parlaments sind Milizpolitiker;
– In keinen anderen Land werden die Stimmbürger so oft an die Urnen gerufen wie in der Schweiz. Am Laufmeter entscheiden wir abschliessend über Gesetzesänderungen, Volksintiativen und Referenden. In einer Legislaturperiode (4 Jahre) stimmt ein Schweizer etwa gleich oft ab wie ein Deutscher in seinem ganzen Leben mitbestimmen kann;
– Die Mitglieder der Landesregierung werden vom Parlament gewählt. Der Bundespräsident wechselt alljährlich, er ist aber auch in seinem Präsidialjahr nur ein “primus inter pares”, der Erste unter Gleichen;
– Bundesräte sind im Prinzip auf Lebzeiten gewählt, sie allein entscheiden, wann es Zeit ist für den Rücktritt. Die Bundesverfassung sieht keinen Misstrauensantrag an einzelne Mitglieder vor und keine Auflösung der gesamten Regierung;
– Im Bundesrat sind seit 1943 alle grossen Parteien vertreten – abgesehen von einem Intermezzo ohne SP, das von 1953 bis 1959 dauerte. Eine Koalitionsregierung gab es allerdings noch nie.

Regieren ohne Koalitionsvertrag – “does it work?”

Genau diese Konstellation sorgt bei Diskussionen im Ausland stets für Irritationen, ja komplettes Unverständnis. Alle starken politischen Kräfte sind in die Regierung eingebunden, aber es gibt keinen Koalitionsvertrag, nicht einmal minimale Vereinbarungen werden zu Beginn einer neuen Legislatur ausgehandelt und festgehalten. “Does it work?”

Ja, bislang hat es funktioniert, ziemlich gut sogar. Die politische Stabilität ist womöglich der wichtige Standortvorteil unseres Landes, und die Verfechter bezeichnen das bewährte System als einzigartig. Seit 1959 sind die grössten Parteien nach ihren Stärkeverhältnissen im Bundesrat vertreten. Von 1959, dem Geburtsjahr der Zauberformel, bis 2003 änderte sich der Verteilschlüssel nie: 2 CVP, 2 FDP, 2 SP, 1 SVP.

Im Dezember 2003 kam es nach 44 Jahren zu einem Wechsel: Die SVP eroberte zulasten der CVP einen zweiten Sitz, Christoph Blocher (svp) ersetzte Ruth Metzler (cvp). Mit diesem Entscheid berücksichtigte das Eidgenössische Parlament die Wählerstärke. Bei den eidgenössischen Wahlen 1999 hatte die SVP nämlich die CVP in der Wählergunst überflügelt. Den um vier Jahre verzögerten Nachvollzug bei der Besetzung der Landesregierung erachte ich grundsätzlich als richtig. Es gibt keine Veranlassung, die Anpassung innerhalb von kurzer Zeit zu vollziehen. Auch die SP musste sich gedulden, bis sie einen Bundesratssitz erhielt, mehrere Jahrzehnte sogar.

Seit Herbst 2003 kam es zu mehreren einschneidenden Ereignissen – eine kurze Chronologie:

– Oktober 2003: Die SVP tritt noch am Wahlabend in der Elefantenrunde von SF mit dem ultimativen Anspruch an: “Wir wollen einen zweiten Bundesratssitz – Blocher oder keiner!”;
– Dezember 2003: Ruth Metzler wird abgewählt. Es ist die erste Abwahl eines amtierenden Bundesrats seit mehr als 130 Jahren
– Dezember 2007: Christoph Blocher wird abgewählt;
– Frühling 2008: Die SVP Schweiz macht eine regelrechte Hetzjagd gegen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Schliesslich schliesst die SVP-Mutterpartei die Bündner Kantonalsektion aus, weil diese Widmer-Schlumpf nicht aus der Partei werfen will;
– Juni 2008: Die BDP des Kantons Bern wird als Abspaltung der SVP gegründet, es folgen weitere BDP-Kantonalsektionen;
– Sommer 2008: Eveline Widmer-Schlumpf und Samuel Schmid wechseln von der SVP zur BDP;
– November 2008: Samuel Schmid tritt nach einem langen Kampf zurück;
– Frühjahr 2009: Die BDP erreicht dank einer Ersatzwahl im Kanton Glarus Fraktionsstärke. Ihre Bundesrätin Widmer-Schlumpf hat im Parlament wieder eine Basis, wenn auch eine sehr kleine.

Medienlogik verlangt nach einer Konkurrenzdemokratie

Diese einschneidenden Ereignisse haben das Haus Schweiz erschüttert. Womöglich kam es zu irreparablen Schäden, es ächzt auch weiter im Gebälk. In den letzten knapp sechs Jahren hat die ausgeprägte Kultur des Konsens, die zur Schweiz gehört wie die Höhenfeuer zum 1. August, gelitten. Der Diskurs wurde ruppig und unversöhnlicher, phasenweise ist er vergiftet. Das politische System der Schweiz erweist sich aber trotz allen Erschütterungen und Brunnenvergiftern als ungemein stabil, und das ist gut so.

In den letzten Jahren flammten vermehrt Diskussionen über eine Abkehr vom Konkordanzmodell auf. Es gibt Akteure, die mit einer Mitte-Links- bzw. mit einer Mitte-Rechts-Regierung sympathisieren. Den Massenmedien käme ein System mit Regierung und Opposition entgegen, sie betonen das Trennende, den Konflikt – manchmal auf Teufel komm raus.

Genf versuchte es einmal mit einer Regierungskoalition

Wie der politische Alltag nach dem Systemwechsel aussehen würde, ist schwer abzuschätzen. Uns fehlt die Erfahrung, wir kennen nur dieses eine System, das keine grossen Schritte erlaubt. Anstelle von grossen Würfen sind Verbesserungen “mit gezielten Pinselstrichen” möglich, wie es der Waadtländer Regierungspräsident Pascal Broulis nennt. Das ist unspektakulär, und passt schlecht zum Zeitgeist – so what?

Einzig der Kanton Genf versuchte sich vor ein paar Jahren einmal mit einer bürgerlichen Regierungskoalition und den linken Parteien in der Opposition. Nach einer Legislatur war die Lust an diesem Experiment schon wieder verflogen.

Möglich würde eine Konkurrenzdemokratie nur mit einschneidenden Veränderungen, die direktdemokratischen Instrumente etwa hätten ausgedient. So überdrüssig wir zuweilen der vielen Initiativen und Referenzen auch sein mögen: Wären wir bereit, diesen Preis zu bezahlen?

Ich finde, dass sich eigentümlich und einzigartig nicht gegenseitig ausschliessen. Dass unsere Diskussionspartner im Ausland nicht nachvollziehen können, wie unser System funktioniert, können wir verschmerzen.

Foto Schweizerfahne in Bern: toggenburgertagblatt.ch

 

www.parlamentsgeschichte.ch: eine Zeitreise im Web bis zurück ins Jahr 1848

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Die politische Bildung fristet ein Schattendasein in unserem Land. Das liegt unter anderem an den Lehrplänen, teilweise auch an Lehrpersonen, die Politik für sich nicht entdeckt haben. Entsprechend vermitteln sie Politik als Pflichtstoff, die die Schülerinnen und Schüler als ebensolchen wahrnehmen. Die Auswirkungen sind bekannt und für unser System, das auf Partizipation und Milizstrukturen aufbaut, gravierend.

Die Parlamentsdienste geben dieser Entwicklung nun Gegensteuer: Sie haben mit parlamentsgeschichte.ch eine Internet-Plattform entwickelt, die spielerisch auf viele Fragen rund um die Bundespolitik eingeht. Wann wurde das Proporzwahlsystem eingeführt? Was versteht man unter Zauberformel? Worum ging es bei der Fichenskandal?

Das sind bloss drei von vielen markanten Schwerpunkten, die man mit ein paar wenigen Klicks abrufen kann. Die Informationen werden knapp auf den Punkt gebracht. Dank weiter führenden Links besteht die Möglichkeit, sich vertiefter mit jedem Thema auseinanderzusetzen. Etliche Beiträge werden durch Bilder oder Videoclips ergänzt.

Fazit: Die Web-Zeitwalze, die bis 1848, ins Gründungsjahr des modernen Bundesstaats, zurückdreht, ist ein gelungenes Tool.

Zur Volkswahl des Bundesrates: ein Ladenhüter wird erneut aufgefrischt

Die Aussage ist lapidar und wird oft verwendet: “Das Volk hat immer Recht.” Ein Teil ebendieses Volkes sprach sich letzte Woche deutlich gegen die Volkswahl des Bundesrats aus. Laut einer Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Isopublic fanden 59 Prozent der Befragten, dass der Bundesrat weiterhin durch das Eidgenössische Parlament zu wählen sein, 3 Prozent hatten noch keine Meinung, währenddem 38 Prozent für eine Volkswahl votierten. *** Für die Volkspartei ist das ein Dämpfer.

Die Volkswahl des Bundesrats ist ein veritabler Ladenhüter. SVP-Titan Christoph Blocher hievte sie 1998 im “Albisgüetli” auf die Agenda. Sie hielt sich allerdings nicht lange. Unmittelbar nach der Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher im Dezember 2007 wurde die Volkswahl erneut aufgewärmt. Damals von Fraktionschef Caspar Baader. Bald setzte die Idee erneut Staub an.

Es geht um die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Nachdem die Schweizerische Volkspartei die Initiative zur Volkswahl bislang nicht aufgleisen konnte oder wollte, macht nun die SVP-Kantonalsektion Zürich Dampf. Sie hat die Initiative vor ein paar Tagen öffentlichkeitswirksam angekündigt, ein Zurückrudern würde deshalb unglaubwürdig. Allerdings entscheidet die Partei erst am 22. August abschliessend, ob sie die Volksinitiative wirklich lancieren will.

Das Ansinnen hat vorab zwei Gründe:

1.  Alfred Heer, der neue Präsident der Zürcher SVP, muss sich profilieren. Gerade weil der Aufstieg der Volkspartei im Kanton Zürich seinen Anfang nahm. Christoph Blocher präsidierte diese Kantonalsektion von 1977 bis 2003. In dieser Zeitspanne stemmte er seine Partei von einem Wähleranteil von 11,3 Prozent (1977) auf über 30 Prozent. Die Fussstapfen sind für Nationalrat Heer gross.

2.  Der Volkspartei geht es um “die Ökonomie der Aufmerksamkeit” wie sie der Philosoph Georg Franck 1998 in seinem Buch bezeichnete. Bei der Couchepin-Ersatzwahl vom 16. September hat die SVP nur eine Statistenrolle, deshalb musste sie einen eigenen medienwirksamen Vorstoss anschieben. (Er ist erneut medienwirksam bei der definitiven Lancierung,  in der Phase der Unterschriftensammlung, bei der Einreichung der Unterschriften, bei der Behandlung im Eidgenössischen Parlament und schliesslich im Abstimmungskampf selber).

Die SVP fühlt sich im Bundesrat untervertreten. Dass Eveline Widmer-Schlumpf  am 13. Dezember 2007 den zweiten Sitz der SVP sichern wollte, haben viele Parteimitglieder ausgeblendet. Hätte sie damals die Wahl nicht angenommen, wäre in der Folge CVP-Ständerat Urs Schwaller (FR) zum Handkuss gekommen. Eine Mehrheit der Vereinigten Bundesversammlung war zum Schluss gekommen, das sie das “Experiment Blocher im Bundesrat” nach vier Jahren beenden wollte.

Zweimal stimmte das Volk schon ab, zweimal sagte es Nein

Über die Volkswahl des Bundesrats stimmten die Schweizerinnen und Schweizer schon zweimal ab: Im Jahr 1900 scheiterte die Volksinitiative mit 65 Prozent Nein, 1942 mit 68 Prozent Nein. Die treibenden Kräfte hinter dem ersten Anlauf waren die Katholisch-Konservativen (die heutige CVP) und die SP, beim zweiten waren es die Sozialdemokraten alleine. Beiden Parteien ging es um eine adäquate Vertretung im Bundesrat: So stellten die Katholisch-Konservativen im Jahr 1900 mit dem legendären Josef Zemp erst einen Bundesrat (nebst sechs Freisinnigen).

Die SP, die seit der Einführung des Proporzwahlsystems 1919 stets zu den drei wählerstärksten Parteien gehört, musste mehrere Dutzend Male vergeblich anrennen, bis ihr die bürgerlichen Parteien mitten im Zweiten Weltkrieg erstmals den Einsitz in der Landesregierung erlaubten. Den zweiten Bundesratssitz errang die SP 1959, dem Geburtsjahr der Zauberformel, die bis 2003 Gültigkeit hatte (Je 2 Vertreter von CVP, FDP und SP, 1 Vertreter der SVP).

Mark Balsiger

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*** Stichprobe: 506 Befragte, Stichprobenfehler max. +/- 4,5%; die Befragung erfolgte vom 2. bis 4. Juli 2009

Von Strategen und “Strategen” im Bundesrats-Wahlkrimi

Am 16. September wird die Nachfolge von Bundesrat Pascal Couchepin bestimmt. Vor drei Wochen hatte er seine Demission auf Herbst bekannt gegeben. Seit Jahrzehnten ist es bei Bundesratswahlen nicht mehr vorgekommen, dass die Zeitspanne zwischen Rücktrittsankündigung und Wahltermin so lange ist.

Die Medien interpretieren täglich. In zwei Punkten herrscht Konsens:

1. Man spricht allgemein von einem Wahlkrimi
2. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Couchepin wird entweder FDP- oder CVP-Mitglied sein

Viele Medienschaffenden finden zudem, dass jetzt bloss ein “Vorgeplänkel” im Gang sei. Ich halte – halbwegs – dagegen, weil diese Phase immerhin aufgezeigt hat, wer strategisch talentiert ist und wer weniger.

Die Muttersprache als wichtigstes Kriterium?

Die ersten drei Wochen dieses Wahlkrimis waren dominiert von der Frage, was ein richtiger Romand sei. FDP-Chef Fulvio Pelli hatte diese Debatte früh losgetreten. In einem Interview strich er heraus, dass der Favorit in den Reihen der CVP, Ständerat Urs Schwaller, kein Romand sei. Schwaller ist in der Tat Deutschfreiburger, allerdings ein Bilingue, der während seiner 12 Jahre als Staatsrat (Regierungsrat) fast immer Französisch sprach. Zudem: die Bevölkerung Fribourgs ist zu 75 Prozent französischsprachig, der Kanton wird deshalb als welsch betrachtet.

Diese Debatte ist brandgefährlich. Wenn die Muttersprache das wichtigste Kriterium für die Besetzung einer Schlüsselposition in diesem Land wird, ist das ein Spiel mit dem Feuer. Einer, der das in einem Aufsatz gut auf den Punkt brachte, ist Ständeratspräsident Alain Berset (Fribourg).

Ich fürchte um den Zusammenhalt (Text von Alain Berset; PDF)

Indirekt bricht Berset, einer der wenigen Charismatiker unter der Bundeshauskuppel, mit diesem Text eine Lanze für seinen Ständeratskollegen Urs Schwaller. Das ist bemerkenswert, weil Berset selber als Bundesratskandidat gilt, der dereinst Micheline Calmy-Rey beerben könnte. Wird Schwaller gewählt, sinken Bersets Chancen auf praktisch Null. Die Kantonsklausel ist zwar gefallen, zwei Vertreter aus demselben Kanton werden aber wohl nur beim demografisch klar grössten Zürich geduldet (2003 – 2007: Moritz Leuenberger/Christoph Blocher; 2008 – …. : Moritz Leuenberger/Ueli Maurer).

Schwaller ist verwundet, ein Vorteil für Pelli?

Fulvio Pellis Angriff auf Schwaller war zwar kein Blattschuss, hat den stärksten CVP-Papabili aber doch verwundet. Pelli zeigt damit ein weiteres Mal auf, dass er ein cleverer Stratege ist. Dass er es nicht nur für seine Partei bzw. den Erhalt des zweiten FDP-Sitzes tut, sondern vermutlich auch für sich selbst, steht auf einem anderen Papier. Auch in eigener Sache verhält sich Pelli geschickt, obwohl wenn er damit seine Glaubwürdigkeit untergräbt. Zwei Jahre ist es her, da nahm sich Pelli selbst aus dem Rennen, ohne dass ich ihm das damals glaubte.

Strategisch in einer anderen Liga agierte bislang Ueli Leuenberger, Präsident der Grünen. Sein Flirt mit ein paar SVP-Hinterbänklern, sekundiert von Jungstar Bastien Girod, hat sich als hochsommerlicher Furz bereits wieder verflüchtigt. Die Idee, dass die SVP im September den Grünen zu einem Bundesratssitz verhelfen sollte, um 2011 der SP einen Sitz wegzuschnappen, hat Schnitzelbangg-Potential – oder wäre Stoff für die Satiresendung Giacobbo/Müller.

Die Grünen (24 Sitze) und die SVP (65 Sitze) erreichen zusammen maximal 89 Stimmen. Das reicht nicht, um einen Bundesrat zu küren. Nebst diesem mathematischen Problem sind die inhaltlichen Differenzen zu berücksichtigen: Grüne und SVP sind sich spinnefeind, einzig bei Vorlagen des VBS kommt es vor, dass die beiden Parteien an einem Strick ziehen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven. Die Wählerschaft beider Parteien würde ein Päckli nie goutieren.

Hüsch und Hott bei Grünen-Chef Ueli Leuenberger

Während des Flirts passierte auf dem Generalsekretariat der Grünen ein Fauxpax: Das Strategiepapier der Partei ging irrtümlich an den Medienverteiler. Eine knappe halbe Stunde später wurden die Empfänger aufgefordert, die vorherige Mail doch zu löschen, es handle sich lediglich um ein paar persönliche Gedanken. Das Hüsch und Hott fand ein vorläufiges Ende mit der Ankündigung vom 28. Juni, man strebe jetzt doch drei Sitze an – zusammen mit der SP. SP-Präsident Christian Levrat muss sich fragen, wie verlässlich der Präsident der Grünen als sein natürlicher Partner eigentlich ist.

Ueli Leuenberger hat sich ein Glaubwürdigkeitsproblem eingehandelt. Erinnert sei auch an die Bundesrats-Ersatzwahl im Dezember 2008, als der offizielle Kandidat der Grünen, Luc Recordon, von der eigenen Partei im Regen stehen gelassen wurde. Ihre Stimmen gingen bereits beim ersten Wahlgang zu einem beträchtlichen Teil an Hansjörg Walter (svp, TG).

Schliesslich: Wann wurde bislang darüber diskutiert, welche Eigenschaften der neuen Bundesrat haben muss bzw. welche Baustellen im EDI auf ihn warten?

Genau diese Baustellen würden das Profil des neuen Bundesrats definieren. Die “Arena” versuchte vor zwei Wochen, das in den Mittelpunkt der Sendung zu stellen, scheiterte aber aufgrund der Zusammensetzung im Ring. Christoph Blocher und Roger Schawinski verbissen sich alle paar Minuten in Blochers Vergangenheit.

Mark Balsiger