Samuel Schmid geht mit der Beurlaubung von Roland Nef ein erhebliches Risiko ein

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Armeechef Roland Nef ist also per sofort beurlaubt. Er muss bis spätestens am 20. August die Fakten auf den Tisch legen. Diese Aufgabe hat ihm Bundesrat Samuel Schmid übertragen. Ansonsten würde Nef entlassen, sagte Schmid an der Medienorientierung vor einer halben Stunde.

“In dieser hektischen Zeit muss die Wahrheit eine Chance haben”, führte Schmid weiter aus. Er machte auch klar, dass er bislang keine Einsicht in die Akten der Zürcher Untersuchungsbehörden erhalten habe. Zum ersten Mal bekannte der VBS-Vorsteher, dass er selber einen Fehler gemacht habe. Er hätte im Juni 2007 den Gesamtbundesrat über das laufende Verfahren gegen Roland Nef informieren müssen.

Die Beurlaubung Nefs ist ein erhebliches Risiko für Bundesrat Schmid. Maximal vier Wochen müsste also gewartet werden, bis Nef “reinen Tisch macht” (O-Ton Schmid). So lange hat niemand Geduld, die Politiker nicht – und schon gar nicht die Medien. Sie werden weiter recherchieren. Weitere Fakten und Enthüllungen ans Tageslicht bringen. Weiter Druck aufbauen.

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Schmids Entscheid ist im Prinzip eine Brücke, die er Nef zu einem geordneteren Rücktritt bauen will. Auch um sich selber zu retten. Es handelt sich um eine verlotterte Hängebrücke, die einstürzen kann. Stürzt sie ein, reisst sie vielleicht auch Bundesrat Schmid in den Abgrund.

Das Schicksal von Samuel Schmid ist mit dem Schicksal von Roland Nef verknüpft. Liefert dieser keine Fakten, die ihn vollständig entlasten, wird die Luft für Schmid dünn. Ob es dannzumal noch reichen wird, der Öffentlichkeit Nef als Bauernopfer zu präsentieren?

Die Erklärung von Bundesrat Schmid von heute Abend finden Sie hier im Wortlaut.

Foto Roland Nef: nzz.ch
Foto Samuel Schmid: keystone

Armeechef Roland Nef, das Polizeiprotokoll und seine Falschaussage

Fette Schlagzeilen und gross aufgemachte Geschichten sagen nichts über ihre Relevanz aus. Die Sonntagspresse nimmt sich wie erwartet ausführlich der Affäre Schmid/Nef an. Eine Enthüllung hat das Potenzial, dem Chef der Armee das Genick zu brechen. Die “SonntagsZeitung” druckt ein Polizeiprotokoll ab, das Details der Klage von Nefs ehemaligen Partnerin aufführt. Das Medium fasst zusammen:

“In der Zeit nach dem 21. September 2006 wurde die Frau von Männern kontaktiert, die Sex mit ihr wollten. Sie riefen sie auf ihrem Handy und auf dem Festnetz an, Einzelne läuteten an ihrer Haustür. Grund für diese Belästigungen: Roland Nef, ihr ehemaliger Lebenspartner und heute Armeechef, habe in den Septemberwochen auf Sexinserate im Internet geantwortet – und zwar in ihrem Namen und mit ihrem Bild. Das erzählte die Frau am 27. September 2006, als sie auf dem Polizeiposten der Zürcher Hauptwache Urania Anzeige gegen Nef wegen Nötigung erstattete.”

Es gibt einen weiteren Punkt, der relevant ist für die Beurteilung der Affäre. Am Donnerstag wurde Nef an seiner Medienkonferenz u.a. mit einer Frage zur rechtlichen Einigung mit seiner ehemaligen Partnerin konfrontiert:

“Trifft es zu, dass ihre ehemalige Lebenspartnerin die Desinteresse-Erklärung erst nach Ihrer Wahl unterschrieben hat?”

Roland Nef antwortete am Donnerstag mit Nein. Laut Nefs Anwalt wurde diese Desinteresse-Erklärung aber tatsächlich erst nach der Wahl von Nef zum Armeechef unterzeichnet. Philipp Burkhardt, Redaktor von Radio DRS, brachte diesen Widerspruch am Samstagmorgen ans Tageslicht.

Ständerat Hans Altherr (fdp), Präsident der Sicherheitspolitischen Kommission, sagte gestern in der “Tagesschau”:

“Wenn Herr Nef gelogen hat, ist er nicht mehr tragbar.”

Nach den neuen Details vom Wochenende will die Sicherheitspolitische Kommission sich nun bereits nächste Woche mit der Affäre befassen. Ursprünglich war das am 18. August terminiert gewesen.

Was sagen Sie zur Entwicklung dieser Affäre? Wie beurteilen Sie sie? Was wird geschehen?

Samuel Schmid bricht sein langes Schweigen

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Samuel Schmid hat seinen Urlaub vorzeitig abgebrochen. Gestern war er wieder im Bundeshaus, heute um 15 Uhr stellte er sich kurzfristig den Medien. Geduldig nahm er sich den Fragen an, zwei- oder dreimal verlor er kurz den Faden. Sein Auftritt war aber insgesamt solid. Er machte klar, dass er “voll und ganz” hinter Armeechef Roland Nef stehe.

Viele Fragen kreisten um den Umstand, dass Schmid vor Jahresfrist den Gesamtbundesrat nicht über die damals noch laufende Strafuntersuchung gegen Nef informiert hatte. Dahinter sei “keine Absicht gewesen, den Bundesrat hinters Licht zu führen”, erklärte der VBS-Vorsteher. “Die Strafuntersuchung war ein kalkulierbares Risiko.”

Im Verlauf dieser Medienkonferenz hat sich bei mir der Eindruck verstärkt, dass es sehr schwierig ist, die Abläufe von Verfahren zu verstehen. Das ist eine echte Herausforderung, gerade für Nicht-Juristen. Dass Schmid den Inhalt der Strafuntersuchung gegen Nef nicht kennt, nicht kennen will, überrascht. Er begründete das mit dem Respekt vor der Privatsphäre Nefs.

Ob er, Bundesrat Schmid, noch handlungsfähig sei, frage einer der Journalisten. Schmid fragte zurück: “Welche Bundesräte sind aus ihrer Sicht handlungsfähig – ich höre?” Der überrumpelte Journalist gab zur Antwort: Doris Leuthard. “Dann wären also sechs Bundesräte nicht mehr handlungsfähig”, konstatierte Schmid. Erheiterung im Saal. Womöglich hatte da einer nicht gemerkt, wie ihm die Hosen heruntergezogen wurden.

Mit diesem Auftritt Schmids ist der Wind nicht aus den Segeln, aber der grösste Sturm dürfte vorüber sein. An der ersten Bundesratssitzung nach den Sommerferien am 20. August wird dieser Fall traktandiert. Bei der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK) bereits zwei Tage vorher. Dass der Gesamtbundesrat Schmids Handeln öffentlich kritisieren wird, können wir ausschliessen. Ausser der SVP hat keine Partei ein Interesse daran, dass Schmids Position weiter geschwächt wird oder sogar sein Kopf rollt.

Samuel Schmid hätte sich bereits am Montag den Fragen der Medien stellen müssen. So wäre der Sturm gar nicht erst aufgekommen. Weiter hätte er ein starkes Zeichen gesetzt, wenn er gemeinsam mit Roland Nef aufgetreten wäre. Gestern wäre die Gelegenheit dazu da gewesen.

Interessant ist, dass er sich hinter seinen Armeechef stellt. Genauso ist diese Aussage auch zu verstehen. Schmid schob Roland Nef in den Vordergrund, sein eigenes Wirken hingegen versuchte er zu dethematisieren.

Schmid hat mit seinem heutigen Auftritt nicht an Statur gewonnen. Er stünde besser da, wenn er sein langes Schweigen als Fehler bezeichnet hätte. Er hätte auch bekennen können, dass das Auswahlprozedere angesicht der Strafuntersuchung aus heutiger Sicht nicht optimal gewesen war. Damit hätte er gepunktet, Ehrlichkeit wird belohnt.

Schmid verzichtete aber auf Selbstkritik, stattdessen kritisierte er die Medien. Diese wiederum verbissen sich in die Geschichte, weil die beiden Schlüsselakteure zu lange auf Tauchstation gingen. Und weil die Ernennung Nefs Samuel Schmid nicht als umsichtigen VBS-Vorsteher erscheinen lässt.

Das letzte Kapitel dieser Story ist noch lange nicht geschrieben. Die Skandalisierungsspirale dreht sich weiter. Wir dürfen mit neuen Enthüllungen und “Enthüllungen” zur Causa Nef rechnen. Das nächste Mal am Sonntag.

Foto Samuel Schmid: Reuters

Roland Nef: Kampf gegen die Terriers

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Donnerstagnachmittag, 15 Uhr. Roland Nef tritt vor die Medien. Drei Tage zu spät, aber immerhin. Sein Auftritt ist kurz, bestimmt und souverän. Er räumt Fehler ein. Für einen Moment werden Emotionen spürbar – als ihm ein “jetzt reichts!” entfährt. Das ist menschlich – und verständlich.

Der Chef der Armee ging heute auch in die Offensive, einige Medien hätten “Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten” kolportiert. Nef spracht von einer Rufmordkampagne. Seine Anwälte reichten Klage gegen den “Blick” ein. Der Vorwurf: Persönlichkeitsverletzung.

Mit dieser Klage beginnt Nefs Kampf erst recht. Sind die Terriers einmal auf der Jagd, lassen sie nicht mehr los. Diese Affäre beinhaltet alles, was der Boulevardjournalismus liebt.

Wer sich bei einer Medienkampagne nicht bewege, überlebe. Wer sich zur Wehr setze, werde erledigt. Diese Aussage stammt von einem, der es wissen muss: Peter Uebersax. Uebersax hat beim Ringierkonzern den Nimbus einer Überfigur. Er war der letzte erfolgreiche Chefredaktor des “Blick”.

Ich gehe nicht mehr davon aus, dass Roland Nef sich retten kann. Der Kampf gegen den “Blick” und andere Medien ist nicht zu gewinnen.

Foto Roland Nef: keystone  

Samuel Schmid und die Volksjustiz

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Aus einer Mücke wird ein Elefant, aus einem politischen Fehler eine Staatsaffäre. Aus Spekulationen werden innerhalb von 24 Stunden knallharte Fakten. Bundesräte sollen zurücktreten. Journalisten machen Überstunden, Kommunikationsspezialisten auch. Köpfe werden röter, die Temperaturen steigen.

Willkommen im Sommertheater 2008.

Vor Jahresfrist wählte der Gesamtbundesrat Roland Nef zum neuen Chef der Armee. Zu diesem Zeitpunkt war das Strafverfahren, das seine ehemalige Partnerin ausgelöst hatte, noch nicht eingestellt. Sie bekundete aber schon damals, dass sie kein Interesse mehr an einer rechtlichen Beurteilung ihrer Vorwürfe habe.

Aus heutiger Sicht wäre es zweifellos richtig gewesen, wenn Samuel Schmid die anderen Mitglieder des Bundesrats über das Strafverfahren gegen Nef informiert hätte. Aus der damaligen Sicht war diese Information nicht zwingend. Die private Angelegenheit Nefs war de facto abgeschlossen, nicht aber de jure. Das ist gemäss Juristen jeweils eine reine Formsache.

Ich finde es falsch, dass Schmid die Krise – und das ist seit Montag definitiv eine! – nun offenbar aussitzen will. Nachdem der Fall in der “SonntagsZeitung” angestossen wurde, hätte ein schnelles Handeln den Brand löschen können. Schon am frühen Sonntagmittag hätte im VBS klar sein müssen, dass der Vorsteher an die Öffentlichkeit treten muss – Ferien hin oder her.

Eine Medienkonferenz am Montagmorgen wäre die richtige Strategie gewesen. Auch wenn Schmid vermutlich kaum etwas Neues zu sagen gehabt hätte. In solchen Situationen geht es schlicht darum hinzustehen und sich den vielen Fragen der Journalisten zu stellen. Auf diese Weise kann die Spitze des Speeres gebrochen werden.

Der Aufwand für eine offensive Abwicklung des Falles wäre bescheiden gewesen. Stattdessen ist jetzt eine Medienkampagne im Gang, die so schnell nicht mehr stoppt. Sie braucht Nerven, kostet Zeit und hinterlässt einen beträchtlichen Flurschaden. Hässlich ist die eigentliche Volksjustiz, die eingesetzt hat. Wider besseren Wissens wird in Internet-Foren anonym diffamiert, dass einem bei der Lektüre angst und bange wird.

Foto Samuel Schmid: keystone

Samuel Schmid, Roland Nef, dessen Ex-Partnerin und die Medien

Land unter im Tessin. Bundesrat Samuel Schmid und Roland Nef, seit Anfang Jahr Chef der Armee, steht das Wasser bis zum Hals. Zu diesem Schluss kommt, wer die Berichte und Kommentare vereinzelter Medien seit dem Primeur der “SonntagsZeitung” vor zwei Tagen gelesen hat.

Der “Tages-Anzeiger” fordert Schmid auf, sich zu verabschieden: “Time to Say Goodbye” lautet der Titel des heutigen Kommentars. Der “Blick” macht Details aus dem privaten Umfeld von Roland Nef publik und die “Neue Luzerner Zeitung” wieder schrieb schon gestern von einer Schmierenkampagne. Die NZZ schliesslich ordnet zurückhaltend ein.

Der Fall Nef ist zweifellos auch ein Fall Schmid. Interessant ist aber auch die Rolle der Medien. Was meinen Sie?

Mit einem baldigem Rücktritt von Moritz Leuenberger bliebe das Uvek bei der SP

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Manche Beobachter behaupten schon lange, Bundesrat Moritz Leuenberger sei amtsmüde. Nun fragte der “Blick”: “Tritt Bundesrat Leuenberger zurück?” Autor Georges Wüthrich ist einer der besten Kenner von Bundesbern und deswegen würde ich seinen Artikel nicht einfach als flockige Sommergeschichte abtun. Lesen also auch wir im Kaffeesatz.

Bürgerliche Politiker spekulieren schon seit Jahren darauf, der SP das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) abspenstig zu machen. Leuenberger ist seit zwölfeinhalb Jahren im Amt und führt seither das Uvek. Demissioniert er in den nächsten Wochen oder Monaten, dürfte es bei der SP bleiben. Wieso?

1. Das Ansinnen gewisser Strategen, eine Mitte-Rechts-Regierung ohne SP-Beteiligung zu installieren, hat die nächsten Jahre keine Chance. Dafür wurde seit der Blocher-Abwahl zu viel Geschirr zerschlagen. Dafür ist der Respekt vor der SP in einer echten Opposition zu gross; sie könnte alles blockieren und würde in kurzer Zeit die stärkste Partei.

2. Der Anspruch der SP auf zwei Sitze im Bundesrat ist unbestritten. Bei einer Einervakanz wird ein SP’ler Leuenbergers Sitz erben, auch wenn ein SVP-Kampfkandidat aufgestellt wird.

3. Eine Rochade bei den Departementen zeichnet sich aber nicht ab:

– Pascal Couchepin hat kein Interesse mehr an einem Wechsel. Er dürfte auf Ende seines Präsidialjahres oder nächstes Jahr zurücktreten.

– Samuel Schmid steht im Spätherbst seiner politischen Karriere. Ausgerechnet jetzt, während den Turbulenzen mit der SVP und im VBS, das Departement zu wechseln, würde als “Davonlaufen” taxiert und kommt deswegen kaum in Frage. Möglicherweise tritt er Ende 2010, nach seinem Präsidialjahr, zurück. Bringt die “Oppositions”-SVP einen gemässigten Kandidaten, dürfte dieser Schmids Sitz übernehmen.

– Hans Rudolf Merz ist es offensichtlich wohl im Finanzdepartement, dasselbe gilt für Micheline Calmy-Rey im EDA.

– Doris Leuthard wurde erst vor zwei Jahren gewählt, das Volkswirtschaftsdepartement trägt ihre Handschrift. Sie hat aber noch viel zu tun und wird deshalb kaum wechseln wollen.

– Bei Eveline Widmer-Schlumpf schliesslich stellt sich die Frage nach einem Wechsel gar nicht: Sie hat sich in den letzten sieben Monaten im EJPD eingearbeitet und eine dicke Haut gebraucht, um im SVP-Trommelfeuer zu bestehen.

Kommt es zu einem Zweier-, Dreier- oder sogar Vierer-Rücktritt (Leuenberger, Couchepin, Schmid, Merz), etwa auf Ende 2010 oder Ende 2011, gäbe es viele Varianten und damit Unsicherheiten. Bei einer grösseren Neubesetzung der Landesregierung wäre die SP das Uvek vermutlich los. Das will sie auf keinen Fall, es ist für sie ein Schlüsseldepartement.

Leuenberger kann seiner Partei diesen Sommer ein famoses Abschiedsgeschenk machen.

Foto Moritz Leuenberger: blick.ch

Die SP und das Thema Sicherheit

Es ging ein Raunen durchs Land, als die SP-Parteispitze unlängst ihr Positionspapier “Öffentliche Sicherheit für alle” präsentierte. Von einem Tabubruch ist seither die Rede. In der Tat wurde das Thema Sicherheit seit vielen Jahren als Domäne der SVP betrachtet.

Ein paar Kernforderungen des Positionspapiers:

– konsequente Ausschaffung von Kriminaltouristen
– Verbot der organisierten Bettelei
– 1500 zusätzliche Polizisten
– mehr Zugbegleiter

Das lamentable Abschneiden der SP bei den Nationalratswahlen 2007 und eine Befragung der SP-Basis haben die Geschäftsleitung der Partei offensichtlich dazu bewogen, sich beim Thema öffentliche Sicherheit neu zu positionieren. Ich halte die Debatte, die jetzt lanciert wurde, als ausgesprochen wichtig. Gerade auch parteiintern: Über das Positionspapier wird der Parteitag Ende Oktober abstimmen, seitens der Juso und einzelner Exponenten wurde bereits zum Teil heftige Kritik laut.

Wir bleiben dran und haben ein paar Exponenten gebeten, ihre Meinung im Stil von Gast-Beiträgen hier auf dem Wahlkampfblog kund zu tun. Bislang schriftlich angefragt wurden SP-Generalsekretär Thomas Christen, SP-Nationalrätin Evi Allemann und SVP-Nationalrat Caspar Baader.

“Die SP hat zu lange die Augen vor diesem Problem verschlossen”

GAST-BEITRAG

Von Thomas Christen*

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thomas_christen1.jpgDie interne Mitgliederumfrage der SP nach der Wahlniederlage war deutlich: 70 Prozent der knapp 4000 Teilnehmenden forderten die Parteileitung auf, das Thema öffentliche Sicherheit stärker als bisher zu betonen. Bei keinem anderen Thema wurde so häufig ein Nachholbedarf identifiziert. Die Umfrage bestätigte damit, was in Zuschriften, Kommentaren, Leserbriefen immer wieder zum Ausdruck kommt. Die SP hat zu lange die Augen vor einem Problem verschlossen, das die Leute beschäftigt. Und die SP hat mit dem Hinweis auf Kriminalitätsstatistiken die Bedeutung des subjektiven Sicherheitsgefühls vieler negiert.

Man kann jetzt einwenden, dass Mitgliederumfragen und Sorgenbarometer für eine Partei nicht die alleinige Grundlage für die Ausrichtung ihrer Politik sein dürfen. Damit mag man recht haben. Aber auch die Frage nach den Gründen für das subjektive Gefühl der Unsicherheit muss die Linke dazu führen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Es braucht einen starken Staat

Globalisierung, Sparpolitik und neoliberaler Abbau haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass sich die Menschen nicht mehr sicher fühlen. Und darum braucht es einen starken Staat. In der Sozialpolitik, um den Menschen Perspektiven zu schaffen, sie zu befähigen, sich den sich ändernden Herausforderungen zu stellen. Und um die grossen Lebensrisiken wie Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit abzusichern. Es braucht aber auch einen starken Staat, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Denn gerade in diesem Bereich zeitigt eine weitere Schwächung des Staates verheerende Folgen.

Nicht nur bei der Privatisierung des Gesundheitsbereichs bietet der Blick nach Amerika negativen Anschauungsunterricht. Was bedeutet es für einen Staat, dass es in den USA schon heute dreimal mehr Angestellte privater Sicherheitsfirmen gibt als Polizisten? Wenn die Tendenz steigend ist – und das ist sie – wo erreicht ein Staat den Punkt, an dem Sicherheit vor Verbrechen zur Ware wird? Zu einer Ware, die sich, wie andere Waren auch, einige leisten können, viele aber nicht? Und was bedeutet es für einen Staat, wenn sich die privaten Sicherheitsfirmen vorab gestützt auf Lohndumping durchsetzen und so im Bereich der Sicherheit unqualifiziertes Personal zu Hungerlöhnen arbeitet? Wird mit dem (neoliberalen) Rütteln am Gewaltmonopol nicht am Fundament des Staates gerüttelt?

Polizei ist Teil des Service Public und damit ein SP-Anliegen

Die öffentliche Polizei muss – wie die Schule oder der öffentliche Verkehr – für die ganze Bevölkerung da sein. Eine hoch qualifizierte, vielfältig zusammengesetzte und ausreichend entlöhnte Polizei ist Teil des Service Public und damit ein sozialdemokratisches Anliegen. Öffentliche Sicherheit bedeutet neben den präventiven Massnahmen deshalb auch die Stärkung der einer demokratischen Kontrolle unterstellten öffentlichen Polizei – auf Kosten von mit Lohndumping am Markt auftretenden privaten Sicherheitsfirmen. Kurz: Polizisten, denen man vertrauen kann, weil sie vom Staat bezahlt werden und nicht von Privaten.

Selbstverständlich muss mit einer sozialdemokratischen Politik der öffentlichen Sicherheit auch die Forderung nach Wahrung der Freiheits- und Grundrechte einhergehen. Ein durch Naivität geprägtes blindes Vertrauen in den Staat wäre verheerend. Es braucht unabhängige politische Kontrolle, Ombudsstellen, gerichtliche Beschwerdemöglichkeiten und Transparenz. Forderungen, die gerade seit Bekanntwerden neuer Schnüffelskandale weiter an Aktualität gewonnen haben. Und Forderungen, für welche eine sich an Freiheit orientierende Sozialdemokratische Partei einstehen muss. Nur: Die öffentliche Sicherheit ist demokratischer und rechtsstaatlicher Kontrolle unterworfen. Private Sicherheitsfirmen wie Broncos und Securitas kaum.

Die SP tut also gut daran, sich die Thematik der öffentlichen Sicherheit anzunehmen. Und die Diskussion über konkrete Massnahmen zu führen. Das Thema von der sozialdemokratischen Traktandenliste zu streichen, ist weder dienlich noch sinnvoll.

* Thomas Christen ist Generalsekretär der SP Schweiz. Der Haupt- und die Zwischentitel wurden von der Redaktion, also dem wahlkampflblog gesetzt.

Foto Thomas Christen: www.sp-ps.ch

Aus BPS wird BDP: Die abtrünnigen Berner SVPler haben wieder eine politische Heimat

In “Schlossgut” in Münsingen steigen traditionell Partys “für Singles zwischen 25 und 99 Jahren”. Heute morgen war das Altersspektrum ähnlich breit: Es dominierten eben nicht die älteren Generationen, und auch der Landsturm wurde nicht aufgeboten, wie die NZZ im Vorfeld orakelt hatte. Insgesamt mehr als 300 Personen fanden sich ein, um an der Gründungsversammlung der neuen Partei dabei zu sein.

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Die neue Partei firmiert unter dem Namen Bürgerlich-Demokratische Partei (BDP). Damit haben sich die abtrünnigen SVPler im letzten Moment noch vom der Bezeichnung BPS, Bürgerliche Partei Schweiz, abgewendet. Als Präsidentin der BDP Kanton Bern wurde Beatrice Simon (47) gewählt. Sie präsidiert seit 2003 die Exekutive der 3000-Seelen-Gemeinde Seedorf und ist seit 2006 Grossrätin der SVP. Ihr Aufstieg in der mit Abstand grössten Fraktion verlief schnell: Unlängst wurde sie zur Vize-Fraktionschefin gewählt. Sie hätte in der SVP Karriere machen können. Trotzdem ist zur Schwesterpartei BDP übergetreten, zusammen mit 16 Kollegen aus der SVP-Fraktion.

Nachdem Beatrice Simon sich am 2. Juni zur Bubenberg-Gruppe bekannte, wurde sie von der SVP-Ortssektion Seedorf heftig angefeindet – via Lokalpresse. Andere Abtrünnige machen zurzeit ähnliche Erfahrungen. Auch deshalb darf man davon ausgehen, dass viele SVP-Mandatsträger auf kommunaler Stufe vorläufig nicht zur BDP wechseln werden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass eine der 289 Berner Ortssektionen oder gar ein SVP-Landesverband zur BDP übertreten wird.

Ins Vizepräsidium der Bürgerlich-Demokratischen Partei wurden Grossrätin Annelise Vaucher (56) aus dem Berner Jura, im Jahr 2006 noch SVP-Regierungsratskandidatin, und Samuel Leuenberger (34), Grossrat und Jurist aus dem Emmental gewählt.

Mit der Parteigründung sei der “schmerzhafte Spagat” zwischen dem traditionellen Berner und dem neoliberalen Zürcher Kurs beendet, sagte Regierungsrat Urs Gasche. Viele Leute hätten seit Jahren sehnsüchtig auf eine pragmatische Partei gewartet, die auf die alten Tugenden der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) und der alten SVP bauen würden. Diese Leute hätten bislang geschwiegen. Gasche, der als Tagespräsident amtete: “Die Schweigenden sind das Potenzial unserer Partei. ”

Die Bürgerlich-Demokratische Partei ist also die neue Heimat von ehemaligen Berner SVP-Mitgliedern, die man gerne als “nett” bezeichnete. Das wird nicht reichen, um die neue Partei zu etablieren. Es braucht bald auch erste Wahlerfolge: Laut Gasche will die BDP im nächsten Jahr bei den verschiedenen Gemeindewahlen antreten, ebenso 2010 bei den kantonalen und 2011 bei den eidgenössischen Wahlen. 2013 schliesslich wolle man das 5-Jahr-Jubiläum der Partei feiern, sagte Gasche unter dem grossen Applaus der Menge.

Ganz zuhinterst in der Ecke, eigentlich noch im Foyer, sass ein prominenter Zaungast, lange Zeit fast unbemerkt: alt-Parteipräsident und -Nationalrat Hermann Weyeneth. Er hatte in den letzten Wochen noch versucht, die Parteispaltung zu verhindern. Kaum war die Versammlung zu Ende, verschwand Weyeneth schon wieder.
Nachtrag:

Spannend, wie schnell bzw. “schnell” die verschiedenen Newsportale die sda-Meldung zur Parteigründung aufschalteten. Eine Auswahl:

– 12.12 Uhr Tages-Anzeiger
– 12.48 Uhr Blick
– 12.55 Uhr NZZ
– 13.49 Uhr .ch
– 13.50 Uhr Sonntag online
– 13.59 Uhr espace media

Die Versammlung in Münsingen war übrigens um 11.20 Uhr zu Ende. Weil die Zürcher (und Badener) Medien wieder einmal schneller waren, entschied ich kurzfristig, hier einen Newsbeitrag zu publizieren. Geplant war eine Analyse; sie bleibt in petto. Bei der Performance von espace.ch wirft nicht nur das Tempo Fragen auf: Zur Agenturmeldung über die Parteigründung veröffentlichte dieses Newsportal ein Foto von Bundesrat Samuel Schmid am Rednerpult. Das suggeriert, dass er selber an der Versammlung war. Dem war aber nicht so. Schmid wird zwar voraussichtlich auch Mitglied der BDP, war aber an der Gründungsversammlung liess es sich entschuldigen. (Nachtrag vom Sonntag, 22. Juni: Inzwischen wurde das Foto ausgetauscht.)

Foto Beatrice Simon: www.grossraetin.ch