Bundesrat Samuel Schmid spricht – das Publikum applaudiert

Bundesrat Samuel Schmid sprach gestern Abend an der Bundesfeier in Wittenbach (SG). Die mehr als 500 Gäste gaben ihm einen warmen Empfang.

Das ist nicht selbstverständlich: Im Vorfeld waren seine öffentlichen Auftritte verschiedentlich als Risiko taxiert worden. Schmid ging ein gewisses Risiko ein mit seinen Ansprachen zum Nationalfeiertag. Es hätte zu fototrächtigen Störaktionen kommen können.

Indes, bei einer kurzfristigen Absage seiner insgesamt drei Auftritte wäre er als “Höseler” bezeichnet worden.

Schmid erwähnte in seiner Ansprache die Turbulenzen der letzten Wochen mit keinem Wort. Das ist eine verpasste Chance. Er hätte beim Publikum gepunktet, wäre er kurz auf die eigenen Fehler zu sprechen gekommen. Ein einzigen Satz nur hätte gereicht, ein ehrliches “Pardon”.

Dieser eine Satz wäre heute und die nächsten Tage quer durch das feiernde Land verbreitet worden. Viele hätten ihm verziehen. Das Schweizer Volk, das in diesen Stunden landauf, landab oft thematisiert wird, will keine Supermänner in der Politik. Es will Politiker, die berührbar und ehrlich sind.

Doch wie sangen schon “Chicago”: “It’s hard to say I’m sorry.”

So wird die Affäre Nef/Schmid noch eine Weile weiter motten.

Roland Nef nimmt den Hut

Armeechef Roland Nef hätte bis zur ersten Bundesratssitzung vom 20. August Zeit gehabt, seine Unschuld zu beweisen. “Die Wahrheit muss eine Chance haben”, betonte Bundesrat Samuel Schmid am letzten Montag, als er Nef dieses Ultimatum stellte und damals schon auf Distanz ging.

Nefs Situation war ausweglos. Ich habe dieser Tage schon einmal das Bild eines Boxers verwendet. Es passt: Nef ging in die letzte Runde, schwer angeschlagen. Die Kommentatoren und das Publikum gaben ihm keinen Kredit mehr. Und auch sein Coach wusste, wie der Kampf ausgehen wird.

Deshalb ist es nur folgerichtig, wenn Nef jetzt seine Demission beantragt. Bundesrat Schmid wird sich heute gleichwohl den harten Fragen der beiden Sicherheitspolitischen Kommissionen stellen müssen. An seinem Stuhl wird weiter gesägt. Die Rücktrittsforderungen sind teilweise doppelbödig. Die SVP hat gewiss kein Interesse, in den nächsten Jahren ohne ihren Lieblingsfeind weiter auf “Opposition” machen zu müssen.

Für die Schweizer Armee ist Nefs Entscheid ein Befreiungsschlag: Sie steckt in einem grossen Reformprozess und die Kader sind zutiefst verunsichert, weil die Ausrichtung unklar ist. Gerade deshalb ist es entscheidend, dass ihr höchster Offizier eine glaubwürdige und integre Persönlichkeit ist. Nach innen wie nach aussen. Wir können uns nur wünschen, dass Divisionär André Blattmann, der interimistische Armeechef, wieder Ruhe in die Truppe bringt.

Samuel Schmid geht mit der Beurlaubung von Roland Nef ein erhebliches Risiko ein

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Armeechef Roland Nef ist also per sofort beurlaubt. Er muss bis spätestens am 20. August die Fakten auf den Tisch legen. Diese Aufgabe hat ihm Bundesrat Samuel Schmid übertragen. Ansonsten würde Nef entlassen, sagte Schmid an der Medienorientierung vor einer halben Stunde.

“In dieser hektischen Zeit muss die Wahrheit eine Chance haben”, führte Schmid weiter aus. Er machte auch klar, dass er bislang keine Einsicht in die Akten der Zürcher Untersuchungsbehörden erhalten habe. Zum ersten Mal bekannte der VBS-Vorsteher, dass er selber einen Fehler gemacht habe. Er hätte im Juni 2007 den Gesamtbundesrat über das laufende Verfahren gegen Roland Nef informieren müssen.

Die Beurlaubung Nefs ist ein erhebliches Risiko für Bundesrat Schmid. Maximal vier Wochen müsste also gewartet werden, bis Nef “reinen Tisch macht” (O-Ton Schmid). So lange hat niemand Geduld, die Politiker nicht – und schon gar nicht die Medien. Sie werden weiter recherchieren. Weitere Fakten und Enthüllungen ans Tageslicht bringen. Weiter Druck aufbauen.

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Schmids Entscheid ist im Prinzip eine Brücke, die er Nef zu einem geordneteren Rücktritt bauen will. Auch um sich selber zu retten. Es handelt sich um eine verlotterte Hängebrücke, die einstürzen kann. Stürzt sie ein, reisst sie vielleicht auch Bundesrat Schmid in den Abgrund.

Das Schicksal von Samuel Schmid ist mit dem Schicksal von Roland Nef verknüpft. Liefert dieser keine Fakten, die ihn vollständig entlasten, wird die Luft für Schmid dünn. Ob es dannzumal noch reichen wird, der Öffentlichkeit Nef als Bauernopfer zu präsentieren?

Die Erklärung von Bundesrat Schmid von heute Abend finden Sie hier im Wortlaut.

Foto Roland Nef: nzz.ch
Foto Samuel Schmid: keystone

Roland Nef wird ausgezählt

Der Vergleich zum Boxen scheint mir angebracht: Roland Nef, der Chef der Armee wird ausgezählt. Medienschaffende und andere Auguren gehen davon aus, dass er abtreten wird. Die Frage ist, ob er freiwillig seine Demission einreicht oder gedrängt werden muss.

Bundesrat Samuel Schmid hat schon am Sonntag auf heute eine Medienorientierung in Aussicht gestellt, der Zeitpunkt ist allerdings weiterhin offen. Das nährt die Spekulationen weiter, hier im Bundeshaus-Perimeter ist die Nervosität spürbar.

Dieser Fall sei ein “kommunikativer Super-GAU”. So drückte sich Beatrice Tschanz, einstige Kommunikationschefin der Swissair, schon letzte Woche aus. Sie erlangte 1998 beim Absturz einer Swissair-Maschine vor Halifax (Kananda) grosses Ansehen, weil sie diese grösste Krise der Fluggesellschaft bravourös meisterte.

Krisenkommunikation kann man auf eine einfache und gleichsam eingängige Formel eindampfen. Sie lautet: S-O-S.

Die Kommunikation in der Krise muss

– schnell
– offen
– sachlich

ablaufen. Dass es sich hier um eine Krise handelt, dürfte spätestens jetzt klar sein. Auch ich glaubte anfänglich an ein Sommertheater.

Armeechef Roland Nef, das Polizeiprotokoll und seine Falschaussage

Fette Schlagzeilen und gross aufgemachte Geschichten sagen nichts über ihre Relevanz aus. Die Sonntagspresse nimmt sich wie erwartet ausführlich der Affäre Schmid/Nef an. Eine Enthüllung hat das Potenzial, dem Chef der Armee das Genick zu brechen. Die “SonntagsZeitung” druckt ein Polizeiprotokoll ab, das Details der Klage von Nefs ehemaligen Partnerin aufführt. Das Medium fasst zusammen:

“In der Zeit nach dem 21. September 2006 wurde die Frau von Männern kontaktiert, die Sex mit ihr wollten. Sie riefen sie auf ihrem Handy und auf dem Festnetz an, Einzelne läuteten an ihrer Haustür. Grund für diese Belästigungen: Roland Nef, ihr ehemaliger Lebenspartner und heute Armeechef, habe in den Septemberwochen auf Sexinserate im Internet geantwortet – und zwar in ihrem Namen und mit ihrem Bild. Das erzählte die Frau am 27. September 2006, als sie auf dem Polizeiposten der Zürcher Hauptwache Urania Anzeige gegen Nef wegen Nötigung erstattete.”

Es gibt einen weiteren Punkt, der relevant ist für die Beurteilung der Affäre. Am Donnerstag wurde Nef an seiner Medienkonferenz u.a. mit einer Frage zur rechtlichen Einigung mit seiner ehemaligen Partnerin konfrontiert:

“Trifft es zu, dass ihre ehemalige Lebenspartnerin die Desinteresse-Erklärung erst nach Ihrer Wahl unterschrieben hat?”

Roland Nef antwortete am Donnerstag mit Nein. Laut Nefs Anwalt wurde diese Desinteresse-Erklärung aber tatsächlich erst nach der Wahl von Nef zum Armeechef unterzeichnet. Philipp Burkhardt, Redaktor von Radio DRS, brachte diesen Widerspruch am Samstagmorgen ans Tageslicht.

Ständerat Hans Altherr (fdp), Präsident der Sicherheitspolitischen Kommission, sagte gestern in der “Tagesschau”:

“Wenn Herr Nef gelogen hat, ist er nicht mehr tragbar.”

Nach den neuen Details vom Wochenende will die Sicherheitspolitische Kommission sich nun bereits nächste Woche mit der Affäre befassen. Ursprünglich war das am 18. August terminiert gewesen.

Was sagen Sie zur Entwicklung dieser Affäre? Wie beurteilen Sie sie? Was wird geschehen?

Samuel Schmid bricht sein langes Schweigen

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Samuel Schmid hat seinen Urlaub vorzeitig abgebrochen. Gestern war er wieder im Bundeshaus, heute um 15 Uhr stellte er sich kurzfristig den Medien. Geduldig nahm er sich den Fragen an, zwei- oder dreimal verlor er kurz den Faden. Sein Auftritt war aber insgesamt solid. Er machte klar, dass er “voll und ganz” hinter Armeechef Roland Nef stehe.

Viele Fragen kreisten um den Umstand, dass Schmid vor Jahresfrist den Gesamtbundesrat nicht über die damals noch laufende Strafuntersuchung gegen Nef informiert hatte. Dahinter sei “keine Absicht gewesen, den Bundesrat hinters Licht zu führen”, erklärte der VBS-Vorsteher. “Die Strafuntersuchung war ein kalkulierbares Risiko.”

Im Verlauf dieser Medienkonferenz hat sich bei mir der Eindruck verstärkt, dass es sehr schwierig ist, die Abläufe von Verfahren zu verstehen. Das ist eine echte Herausforderung, gerade für Nicht-Juristen. Dass Schmid den Inhalt der Strafuntersuchung gegen Nef nicht kennt, nicht kennen will, überrascht. Er begründete das mit dem Respekt vor der Privatsphäre Nefs.

Ob er, Bundesrat Schmid, noch handlungsfähig sei, frage einer der Journalisten. Schmid fragte zurück: “Welche Bundesräte sind aus ihrer Sicht handlungsfähig – ich höre?” Der überrumpelte Journalist gab zur Antwort: Doris Leuthard. “Dann wären also sechs Bundesräte nicht mehr handlungsfähig”, konstatierte Schmid. Erheiterung im Saal. Womöglich hatte da einer nicht gemerkt, wie ihm die Hosen heruntergezogen wurden.

Mit diesem Auftritt Schmids ist der Wind nicht aus den Segeln, aber der grösste Sturm dürfte vorüber sein. An der ersten Bundesratssitzung nach den Sommerferien am 20. August wird dieser Fall traktandiert. Bei der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK) bereits zwei Tage vorher. Dass der Gesamtbundesrat Schmids Handeln öffentlich kritisieren wird, können wir ausschliessen. Ausser der SVP hat keine Partei ein Interesse daran, dass Schmids Position weiter geschwächt wird oder sogar sein Kopf rollt.

Samuel Schmid hätte sich bereits am Montag den Fragen der Medien stellen müssen. So wäre der Sturm gar nicht erst aufgekommen. Weiter hätte er ein starkes Zeichen gesetzt, wenn er gemeinsam mit Roland Nef aufgetreten wäre. Gestern wäre die Gelegenheit dazu da gewesen.

Interessant ist, dass er sich hinter seinen Armeechef stellt. Genauso ist diese Aussage auch zu verstehen. Schmid schob Roland Nef in den Vordergrund, sein eigenes Wirken hingegen versuchte er zu dethematisieren.

Schmid hat mit seinem heutigen Auftritt nicht an Statur gewonnen. Er stünde besser da, wenn er sein langes Schweigen als Fehler bezeichnet hätte. Er hätte auch bekennen können, dass das Auswahlprozedere angesicht der Strafuntersuchung aus heutiger Sicht nicht optimal gewesen war. Damit hätte er gepunktet, Ehrlichkeit wird belohnt.

Schmid verzichtete aber auf Selbstkritik, stattdessen kritisierte er die Medien. Diese wiederum verbissen sich in die Geschichte, weil die beiden Schlüsselakteure zu lange auf Tauchstation gingen. Und weil die Ernennung Nefs Samuel Schmid nicht als umsichtigen VBS-Vorsteher erscheinen lässt.

Das letzte Kapitel dieser Story ist noch lange nicht geschrieben. Die Skandalisierungsspirale dreht sich weiter. Wir dürfen mit neuen Enthüllungen und “Enthüllungen” zur Causa Nef rechnen. Das nächste Mal am Sonntag.

Foto Samuel Schmid: Reuters

Roland Nef: Kampf gegen die Terriers

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Donnerstagnachmittag, 15 Uhr. Roland Nef tritt vor die Medien. Drei Tage zu spät, aber immerhin. Sein Auftritt ist kurz, bestimmt und souverän. Er räumt Fehler ein. Für einen Moment werden Emotionen spürbar – als ihm ein “jetzt reichts!” entfährt. Das ist menschlich – und verständlich.

Der Chef der Armee ging heute auch in die Offensive, einige Medien hätten “Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten” kolportiert. Nef spracht von einer Rufmordkampagne. Seine Anwälte reichten Klage gegen den “Blick” ein. Der Vorwurf: Persönlichkeitsverletzung.

Mit dieser Klage beginnt Nefs Kampf erst recht. Sind die Terriers einmal auf der Jagd, lassen sie nicht mehr los. Diese Affäre beinhaltet alles, was der Boulevardjournalismus liebt.

Wer sich bei einer Medienkampagne nicht bewege, überlebe. Wer sich zur Wehr setze, werde erledigt. Diese Aussage stammt von einem, der es wissen muss: Peter Uebersax. Uebersax hat beim Ringierkonzern den Nimbus einer Überfigur. Er war der letzte erfolgreiche Chefredaktor des “Blick”.

Ich gehe nicht mehr davon aus, dass Roland Nef sich retten kann. Der Kampf gegen den “Blick” und andere Medien ist nicht zu gewinnen.

Foto Roland Nef: keystone  

Samuel Schmid und die Volksjustiz

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Aus einer Mücke wird ein Elefant, aus einem politischen Fehler eine Staatsaffäre. Aus Spekulationen werden innerhalb von 24 Stunden knallharte Fakten. Bundesräte sollen zurücktreten. Journalisten machen Überstunden, Kommunikationsspezialisten auch. Köpfe werden röter, die Temperaturen steigen.

Willkommen im Sommertheater 2008.

Vor Jahresfrist wählte der Gesamtbundesrat Roland Nef zum neuen Chef der Armee. Zu diesem Zeitpunkt war das Strafverfahren, das seine ehemalige Partnerin ausgelöst hatte, noch nicht eingestellt. Sie bekundete aber schon damals, dass sie kein Interesse mehr an einer rechtlichen Beurteilung ihrer Vorwürfe habe.

Aus heutiger Sicht wäre es zweifellos richtig gewesen, wenn Samuel Schmid die anderen Mitglieder des Bundesrats über das Strafverfahren gegen Nef informiert hätte. Aus der damaligen Sicht war diese Information nicht zwingend. Die private Angelegenheit Nefs war de facto abgeschlossen, nicht aber de jure. Das ist gemäss Juristen jeweils eine reine Formsache.

Ich finde es falsch, dass Schmid die Krise – und das ist seit Montag definitiv eine! – nun offenbar aussitzen will. Nachdem der Fall in der “SonntagsZeitung” angestossen wurde, hätte ein schnelles Handeln den Brand löschen können. Schon am frühen Sonntagmittag hätte im VBS klar sein müssen, dass der Vorsteher an die Öffentlichkeit treten muss – Ferien hin oder her.

Eine Medienkonferenz am Montagmorgen wäre die richtige Strategie gewesen. Auch wenn Schmid vermutlich kaum etwas Neues zu sagen gehabt hätte. In solchen Situationen geht es schlicht darum hinzustehen und sich den vielen Fragen der Journalisten zu stellen. Auf diese Weise kann die Spitze des Speeres gebrochen werden.

Der Aufwand für eine offensive Abwicklung des Falles wäre bescheiden gewesen. Stattdessen ist jetzt eine Medienkampagne im Gang, die so schnell nicht mehr stoppt. Sie braucht Nerven, kostet Zeit und hinterlässt einen beträchtlichen Flurschaden. Hässlich ist die eigentliche Volksjustiz, die eingesetzt hat. Wider besseren Wissens wird in Internet-Foren anonym diffamiert, dass einem bei der Lektüre angst und bange wird.

Foto Samuel Schmid: keystone

Samuel Schmid, Roland Nef, dessen Ex-Partnerin und die Medien

Land unter im Tessin. Bundesrat Samuel Schmid und Roland Nef, seit Anfang Jahr Chef der Armee, steht das Wasser bis zum Hals. Zu diesem Schluss kommt, wer die Berichte und Kommentare vereinzelter Medien seit dem Primeur der “SonntagsZeitung” vor zwei Tagen gelesen hat.

Der “Tages-Anzeiger” fordert Schmid auf, sich zu verabschieden: “Time to Say Goodbye” lautet der Titel des heutigen Kommentars. Der “Blick” macht Details aus dem privaten Umfeld von Roland Nef publik und die “Neue Luzerner Zeitung” wieder schrieb schon gestern von einer Schmierenkampagne. Die NZZ schliesslich ordnet zurückhaltend ein.

Der Fall Nef ist zweifellos auch ein Fall Schmid. Interessant ist aber auch die Rolle der Medien. Was meinen Sie?

Mit einem baldigem Rücktritt von Moritz Leuenberger bliebe das Uvek bei der SP

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Manche Beobachter behaupten schon lange, Bundesrat Moritz Leuenberger sei amtsmüde. Nun fragte der “Blick”: “Tritt Bundesrat Leuenberger zurück?” Autor Georges Wüthrich ist einer der besten Kenner von Bundesbern und deswegen würde ich seinen Artikel nicht einfach als flockige Sommergeschichte abtun. Lesen also auch wir im Kaffeesatz.

Bürgerliche Politiker spekulieren schon seit Jahren darauf, der SP das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) abspenstig zu machen. Leuenberger ist seit zwölfeinhalb Jahren im Amt und führt seither das Uvek. Demissioniert er in den nächsten Wochen oder Monaten, dürfte es bei der SP bleiben. Wieso?

1. Das Ansinnen gewisser Strategen, eine Mitte-Rechts-Regierung ohne SP-Beteiligung zu installieren, hat die nächsten Jahre keine Chance. Dafür wurde seit der Blocher-Abwahl zu viel Geschirr zerschlagen. Dafür ist der Respekt vor der SP in einer echten Opposition zu gross; sie könnte alles blockieren und würde in kurzer Zeit die stärkste Partei.

2. Der Anspruch der SP auf zwei Sitze im Bundesrat ist unbestritten. Bei einer Einervakanz wird ein SP’ler Leuenbergers Sitz erben, auch wenn ein SVP-Kampfkandidat aufgestellt wird.

3. Eine Rochade bei den Departementen zeichnet sich aber nicht ab:

– Pascal Couchepin hat kein Interesse mehr an einem Wechsel. Er dürfte auf Ende seines Präsidialjahres oder nächstes Jahr zurücktreten.

– Samuel Schmid steht im Spätherbst seiner politischen Karriere. Ausgerechnet jetzt, während den Turbulenzen mit der SVP und im VBS, das Departement zu wechseln, würde als “Davonlaufen” taxiert und kommt deswegen kaum in Frage. Möglicherweise tritt er Ende 2010, nach seinem Präsidialjahr, zurück. Bringt die “Oppositions”-SVP einen gemässigten Kandidaten, dürfte dieser Schmids Sitz übernehmen.

– Hans Rudolf Merz ist es offensichtlich wohl im Finanzdepartement, dasselbe gilt für Micheline Calmy-Rey im EDA.

– Doris Leuthard wurde erst vor zwei Jahren gewählt, das Volkswirtschaftsdepartement trägt ihre Handschrift. Sie hat aber noch viel zu tun und wird deshalb kaum wechseln wollen.

– Bei Eveline Widmer-Schlumpf schliesslich stellt sich die Frage nach einem Wechsel gar nicht: Sie hat sich in den letzten sieben Monaten im EJPD eingearbeitet und eine dicke Haut gebraucht, um im SVP-Trommelfeuer zu bestehen.

Kommt es zu einem Zweier-, Dreier- oder sogar Vierer-Rücktritt (Leuenberger, Couchepin, Schmid, Merz), etwa auf Ende 2010 oder Ende 2011, gäbe es viele Varianten und damit Unsicherheiten. Bei einer grösseren Neubesetzung der Landesregierung wäre die SP das Uvek vermutlich los. Das will sie auf keinen Fall, es ist für sie ein Schlüsseldepartement.

Leuenberger kann seiner Partei diesen Sommer ein famoses Abschiedsgeschenk machen.

Foto Moritz Leuenberger: blick.ch