Volksinitiativen, die gerissen formuliert sind, haben sich in den letzten Jahren gehäuft. Es sind dieselben, die bei der Umsetzung Probleme bereiten und die Bundesverfassung verletzen. Am 28. Februar geht es um die Durchsetzungsinitiative. Der Abstimmungskampf tobt. Ein Kommentar.
Ich habe Verständnis für Mitmenschen, die Angst haben – vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, dem sozialen Abstieg, dem grossen Migrationsdruck, der Welt, die sich rasant verändert. In vielen Fällen hat sich die Angst mit Wut vermengt. Lange, viel zu lange haben Politik und Wirtschaft zugeschaut, ohne diesen wachsenden Ängsten in der Bevölkerung auf den Grund zu gehen. Bei Abstimmungen kriegen die Angst- und Wutbürger ein wenig Macht, ein Ventil geht auf, sie können Dampf ablassen und ein Zeichen setzen. Der Bauch will es so.
Doch worum geht es eigentlich bei dieser Durchsetzungsinitiative?
Die Schweiz ist eine reife und stabile Demokratie. Gerichte sind unabhängig von der Politik, sie fällen ihre Entscheidungen auf der Basis von Bundesverfassung und Gesetzen. Das ist die vielzitierte Gewaltentrennung, deren Wert wir gar nicht überschätzen können.
Jeder Fall eines Straftäters muss von Richterinnen und Richtern einzeln geprüft werden. So gehört es sich für einen Rechtsstaat. Wird die Durchsetzungsinitiative am 28. Februar angenommen, führt das zu einem durch die Volksabstimmung legitimierten Ausschaffungsautomatismus. Das passt zur Schwarz-Weiss-Malerei einzelner Scharfmacher, die alle Fremden in denselben Topf werfen: “Ausländer sind allesamt Wirtschaftsflüchtlinge, Drogendealer, Sozialschmarotzer und Trickdiebe.” Päng! Alle stehen unter Generalverdacht.
Natürlich, es gibt in unserem Land problematische Ausländer, die das Dasein der vielen anderen Ausländer massiv tangieren. Nach gravierenden Übertretungen des Gesetzes werden schon heute jährlich mehrere Hundert ausgeschafft. Das ist richtig. Jeder einzelne Fall wurde aber zuerst rechtlich beurteilt.
Es gibt in unserem Land aber auch problematische Schweizer, die mehrfach straffällig werden. Was geschieht mit ihnen? Werden sie auf den Mond geschossen? Nixda, sie bleiben selbstverständlich hier. Nebenbei: Im Jahr 2014 wurden 37’487 Schweizer und 41’582 Ausländer straffällig, wie viele davon Kriminaltouristen waren, wird in derselben Statistik nicht ersichtlich. Nicht zu vergessen: Der Ausländeranteil in der Schweiz beträgt rund 23 Prozent.
Die Durchsetzungsinitiative macht auf einen Schlag alle Ausländer zu Menschen zweiter Klasse. Sie verletzt die Grundwerte der Bundesverfassung und die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK), die seit der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 auch für die Schweiz gilt. Sie verletzt zudem die Personenfreizügigkeit, die wegen der Masseneinwanderungs-Initiative ohnehin nur noch an ein paar Fäden hängt. Das ist brandgefährlich.
Ein konkretes Beispiel vermag womöglich den Irrsinn der Durchsetzungsinitiative aufzeigen: Ein ehemaliger Arbeitskollege von mir, Rino, ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen; hier hat er auch studiert. Längst ist er verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er hat einen guten Job, zahlt Steuern und spricht akzentfrei Mundart. Bloss: Rino hat keinen Schweizer Pass. Er ist Secondo, sein Vater kam in den Sechzigerjahren in die Schweiz, um hier beim Bau der Autobahnen mitzuarbeiten. Nehmen wir einmal an, dass Rino wie SVP-Mann Hans Fehr eine Putzfrau schwarz angestellt hat. Der Fall fliegt auf und hat eine Anzeige zur Folge, was womöglich als Betrug geahndet wird. Wenn Rino sich nochmals ein solches Vergehen leistet, ist er draussen, ausgeschafft, ohne dass ein Gericht darüber befinden konnte. Ist das verhältnismässig?
Es gibt Hundertausende Rinos und Rinas in unserem Land. Sie gehören zu unserem Land wie du und ich.
Nachdem die Ausschaffungsinitiative angenommen worden war, hat das Parlament das entsprechende Gesetz vor Jahresfrist verschärft. Es kann in Kraft treten, wenn die Durchsetzungsinitiative vom Tisch ist. Das wäre der pragmatische Weg, den unser Land seit vielen Jahren geht und den Rechtsstaat respektiert. Es ist der Weg des nüchternen Nachdenkens und Abwägens. Der Verstand obsiegt.
Abschliessend will ich nicht verschweigen, dass mir etliche Gegner mit ihrem Alarmismus auf den Zeiger gehen. Es bringt keine zusätzlichen Nein-Stimmen, mit dem Finger auf die SVP zu zeigen und zornesrot „Pfui!“ zu rufen. Nachdem seit nunmehr 20 Jahren Volksinitiativen lanciert werden, die Probleme bewirtschaften, aber nicht im Ansatz lösen, sollte man wenigstens das begriffen haben.
Mark Balsiger
















