“Humor gehört zur Politik. Man sollte auch mal über sich selber lachen können”

Am nächsten Montag wird Nadine Masshardt als Nationalrätin vereidigt. Erst gerade einmal 28 Jahre jung, ersetzt sie in der SP-Fraktion Ursula Wyss, die im letzten Herbst in die Stadtberner Regierung gewählt wurde. Im Gespräch erzählt Masshardt, wie sie sich auf die Session vorbereitet, weshalb sie den direkten Austausch mit den Leuten für wichtiger als Social Media hält – und was sie gegen Worthülsen hat.

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Nadine Masshardt, Fussball-Goalies klopfen vor einem Spiel jeweils kräftig an beide Torpfosten. Was tun Sie unmittelbar vor Ihren ersten Sessionstag als Nationalrätin?

Nadine Masshardt: Aberglaube ist nicht mein Ding. Deshalb ist nichts dergleichen geplant. Zudem stehe ich praktisch bis vor Sessionsbeginn politisch im Einsatz. Am 3. März stimmt die Bevölkerung im Kanton Bern mit der Initiative „Bern erneuerbar“ und dem Gegenvorschlag des Grossen Rates ja über eine verantwortungsvolle Energiezukunft ab.

Wer ist Ihre Gotte, die Sie in die Gepflogenheiten in Bundesbern einführt?

Ich habe das Glück, dass mit Nationalrätin Evi Allemann eine gute Freundin von mir bereits im Parlament sitzt. Sie hat mich in den letzten Jahren immer wieder unterstützt und aktuell führt sie mich gut in den Alltag als Bundespolitikerin ein. Zudem konnte ich bereits im Januar an der zweitägigen SP-Fraktionsklausur in Zürich teilnehmen – inklusive Rahmenprogramm. Das war sehr sinnvoll, da ich so schon relativ früh mit meinen künftigen Fraktionskolleginnen und -kollegen in Kontakt kam und sie nicht nur politisch, sondern auch persönlich kennenlernte. Ich wurde herzlich empfangen und fühle mich in der Fraktion schon heute gut aufgehoben.

Das eidgenössische Parlament ist ein Haifischbecken. Der Konkurrenzkampf, gerade innerhalb der eigenen Fraktion, ist gross. Wie gehen Sie mit dieser neuen Konstellation um?

Trotz meinen jungen 28 Jahren bin ich nun schon seit mehr als acht Jahren Parlamentsmitglied und mir Konkurrenzsituationen gewohnt. Der Grosse Rat war bisweilen ebenfalls alles andere als ein Kuschelgremium. Mein Motto, mit dem ich bisher stets gut fuhr, lautet sowieso: Nicht mit Argusausgen eifersüchtig auf die Erfolge Anderer schauen, sondern mit Konzentration und Engagement die eigenen Aufgaben und Dossiers zum Erfolg führen.

Neid ist hierzulande weitverbreitet. 2004 wurden Sie in Langenthal auf Anhieb Stadträtin, 2006 bereits Grossrätin, und jetzt sind Sie auf der nationalen Bühne angelangt – gerade einmal 28-jährig. Was machen Sie besser als andere, die diesen Sprung auch in 16 Jahren nicht schaffen?

Eine schwierige Frage, denn es ist überhaupt nicht meine Art, mich selber zu loben. Mein Grundsatz ist: Ich lebe, was ich fordere und fordere, was ich lebe. Ich will authentisch sein und Glaubwürdigkeit ist für mich von zentraler Bedeutung. Wenn mich ein Thema interessiert, arbeite ich seriös, knie mich in Dossiers und versuche dann die komplexen Themen verständlich zu übersetzen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Zudem habe ich ein super Wahlteam, auf das ich noch heute zählen kann – junge, engagierte Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich Erfahrungen teilen kann, die mich kritisch begleiten. Denn Politikerin zu sein ist alles andere als ein Ego-Job. Bei all dem gilt natürlich: Politische Karrieren kann man nicht planen und es gehört immer auch ein Quäntchen Glück dazu.

Sie sind nebst Evi Allemann auch mit Ursula Wyss befreundet, also zwei Berner SP-Frauen, die ebenfalls schnell politisch Karriere machten. Im Wahlkampf 2007 traten Sie zu dritt in Inseraten mit „Aller guten Dinge sind 3“ auf. Worin unterscheiden Sie sich?

Wir ticken in politischen Fragen sehr ähnlich. Aber in der Form gibt es sicher Unterschiede. Während Ursula Wyss als Nationalrätin und ganz speziell als Fraktionspräsidentin beispielsweise eher eine Generalistin war, ist Evi Allemann eine klassische Dossierpolitikerin und Spezialistin in einzelnen Themen und ich liege wohl irgendwo dazwischen. Interessant ist auch, dass ich als Einzige von uns drei die gesamte Jugend in einer ländlichen und bürgerlich dominierten Region, dem Oberaargau, verbracht habe. Diese Herkunft, in der ich auch meine ersten politischen Erfahrungen sammelte, prägt.

Wyss, Allemann, Masshardt – wen ziehen Sie als nächste Politikerin nach?

Mir ist die Förderung junger Menschen ein grosses Anliegen. So unterstützte ich im letzten Jahr bei den Stadtratswahlen in Langenthal beispielsweise eine gute Freundin mit Know-How und einer gemeinsamen Postkarte. Martina Moser landete auf dem ersten Ersatzplatz und wird bald nachrücken. Ihr Erfolg freut mich sehr. Weiter setzte ich mich bekanntlich für das aktive Stimmrechtsalter 16 ein – und damit für die Mitbestimmung junger Interessierter. Damals meldete sich beispielsweise eine 14-Jährige bei mir, die sich politisch engagieren wollte. Sie ist seither mein jüngstes Teammitglied und seit diesem Jahr darf sie stimmen und wählen.

Viele nationale Parlamentarierinnen und Parlamentarier setzen auf Social Media. Sie äusserten sich skeptisch gegenüber diesen Plattformen…

Ich habe immer betont, dass man Social Media nicht überschätzen sollte. Und dass ich die klassischen Medien und vor allem die direkte Begegnung und das Gespräch mit der Bevölkerung als viel wichtiger einschätze. Mein Facebook-Profil behalte ich und werde schon bald auch auf Twitter anzutreffen sein. Aber alles hat seine Grenzen: Infos zu meinem Privatleben beispielsweise werde ich auch künftig nicht online ausbreiten. Die Website hingegen erachte ich als sehr wichtig. Dort sollen sich Interessierte möglichst aktuell, schnell und zielgerichtet informieren und Hintergründe beschaffen können. Diesem Anspruch will ich künftig noch stärker Rechnung tragen.

Wie es scheint, hat die Politik ein Glaubwürdigkeitsproblem. Deckt sich das mit Ihren Wahrnehmungen? Falls ja, wie geben Sie persönlich Gegensteuer?

Wenn man den Umfragen Glauben schenkt, ist dies tatsächlich so. Persönlich hatte ich jedoch noch keine negativen Erlebnisse. Auch hier zählt: Authentizität und Transparenz. Als Mitglied des bernischen Kantonsparlamentes reichte ich beispielsweise verschiedene Vorstösse ein, die mehr Transparenz in der Politik forderten, beispielsweise bei der Parteienfinanzierung oder bei Nebeneinkünften aus Mandaten. Leider wurden meine Anliegen von der bürgerlichen Mehrheit allesamt abgelehnt. Weiter stören mich in Wahlkämpfen die vielen Worthülsen und Versprechungen, die oft nicht eingehalten werden können. Viel berechenbarer scheinen mir das bisherige Engagement in Parlamenten und in ehrenamtlichen Funktionen der Kandidierenden. Humor gehört zur Politik. Man sollte auch mal über sich selber lachen können, eine gewisse Selbstironie zeigen. Aber zugegeben, das fällt auch mir nicht immer gleich leicht.

Interview: Mark Balsiger

 

Foto Nadine Masshardt: nadinemasshardt.ch

Charles von Graffenried war der erste “Bund”-Retter

Charles von Graffenried (Foto) erinnerte mich seit Langem an Mick Jagger, der heute sein 50-Jahre-Bühnenjubiläum mit den “Rolling Stones” feiert: Beide sind clevere Unternehmer, beide sind Urgesteine. Sie waren schon immer da, markant, erfolgreich, unabhängig, irgendwie unsterblich.

In der Nacht auf Dienstag ist das Licht des kantigen Berners, Medienzars, Privatbankier und grösster Immobilienbesitzer des Kantons in einem, knapp 87-jährig, erloschen. “Ein Grosser hat die helvetische Bühne verlassen”, resümierte Urs Gossweiler, der ewig jung-wilde Verleger aus dem Berner Oberland, von Graffenrieds Tod.

Im Gegensatz zu Jagger brauchte von Graffenried das Rampenlicht und die Zuneigung der Öffentlichkeit nicht. Nie erlag er den Verlockungen des Genusses und des vielen Geldes, das sich in seinen Händen stetig vermehrte. Das Leben des Protestanten bestand aus arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Einmal im Jahr lud er zum Apéro im 5-Sterne-Hotel “Bellevue” zum Frühlingsapéro, daneben sah man ihn kaum an geselligen Anlässen.

Ich erinnere mich an die wenigen persönlichen Begegnungen mit Charles von Graffenried. Sie fanden allesamt in seinem Sitzungszimmer an der Zeughausgasse statt. Es ging um die Traditionszeitung “Der Bund”. Die Rotstiftgauchos des Zürcher Tamedia-Konzerns, der 2007 von Graffenrieds Espace Media Groupe zu einem viel zu hohen Preis übernommen hatte, rechneten knallhart und mit preussischer Rücksichtslosigkeit. Aus Kostengründen stellten sie am 1. Dezember 2008 die Fusion von “Bund” und “Berner Zeitung” als mögliche Option vor.

Ich war perplex: Kurzerhand sagte ich meinen dreiwöchigen Mexiko-Urlaub ab und bündelte den Widerstand gegen die Fusion – das Komitee “Rettet den Bund” war geboren. An diese Phase der Rettungsaktion erinnere ich mich gerne: Die Reaktionen von “Bund”-Leserinnen und -Lesern – telefonisch, per Mail oder postalisch – gaben mir viel Energie und Mumm. Selbst an den Weihnachts- und Neujahrstagen kamen wir kaum aus dem Büro.

Doch zurück zum Sitzungszimmer der von Graffenried-Gruppe. Am Tisch sassen wir uns vis-à-vis: Auf der einen Seite die Ständeräte Simonetta Sommaruga und Werner Luginbühl, Nationalrat Alec von Graffenried, Grossrat Christoph Stalder und ich. Auf der anderen Seite Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino, CEO Martin Kall, Christoph Zimmer, der Leiter Unternehmenskommunikation bei Tamedia, sowie die beiden Chefredaktoren Artur Vogel (“Bund”) und Michael Hug (“Berner Zeitung”).

Am Kopf des langen Tisches sass jeweils Charles von Graffenried. Er war stets höflich, hörte gut zu, seinen Augen entging nicht die kleinste Regung im Raum. Beim ersten Gespräch geriet seine Einführung ziemlich lange, was atypisch war für ihn. Er rollte die letzten Dekaden Berner Mediengeschichte auf, mehr an seine Zürcher Kollegen gerichtet, wie mir schien. Dabei wurde spürbar, dass von Graffenried am “Bund” hing.

Von Graffenried übernahm im Jahr 2003 die operative Führung des “Bund” von der NZZ und ein grosses Aktienpaket. Das war ein mutiger Schritt, ohne ihn wäre die damals defizitäre Tageszeitung womöglich eingestellt worden. Für dieses Engagement gebührt ihm aufrichtiger Dank, er war der erste “Bund”-Retter.

Eine seiner Aussagen verwendeten wir auch 2008/2009 für den Kampf gegen das drohende Aus:

“Ich kann mir Bern ohne ‘Bund’ gar nicht vorstellen.”
(Samstagsinterview “Der Bund”, 31. Juli 2003)


Weitere Texte über Charles von Graffenried:

Sir Charles machte stets das Beste daraus (NZZ, Peter Ziegler, 11.07.2012)
Zu wenig Herz vermutlich (NZZ, Margrit Sprecher, 28.03.2010)
Leben in grossen Räumen (Klartext, Klaus Bonanomi, 10.07.2007)

Foto Charles von Graffenried: keystone

Krisenkommunikation (2) – heute: Swiss Ski und der Rauswurf von Stefan Abplanalp

Seit Langem kommt es bei Swiss Ski immer wieder zu heftigen Eruptionen. So trat Pirmin Zurbriggen vor Jahresfrist per sofort aus dem Präsidium des Verbandes aus. Letzte Woche wurde Speed-Trainer Stefan Abplanalp abserviert. Anstelle einer transparenten Kommunikation verfügte der Verband einen Maulkorb für alle. Gestern äusserte sich Präsident Urs Lehmann erstmals – in der “Schweizer Illustrierten”.

Es habe schon lange gemottet, erzählen Insider. Jetzt kam es zum Eklat: Stefan Abplanalp (rechts), Speedtrainer des Damenteams verlor den Machtkampf gegen Cheftrainer Mauro Pini (links) und wurde per sofort freigestellt – einen Monat vor Ende der Saison. Diese ist trotz Verletzungspech ziemlich erfolgreich verlaufen, die Schweizerinnen fuhren in den Speed-Disziplinen fünf Podestplätze heraus.

Wo ausgeprägte Leistungsbereitschaft, Rivalität, starke Persönlichkeiten, öffentlicher Druck, Stars, Eifersucht, Testosteron und junge Athletinnen zusammentreffen, entsteht ein explosiver Cocktail. Die beste Freundin kann gleichzeitig auch die grosse Rivalin sein, die einem vor der Sonne steht. Trainer messen sich an ihren Erfolgen, aber auch der Popularität ihrer Schützlinge.

Als Kommunikationsspezialist interessierte mich die Art und Weise, wie Swiss Ski diesen Eklat abwickelte.

Die Schwachstellen und meine Einschätzungen:

– Der Verband verschickte am Montag, 20. Februar die Medienmitteilung, mit der die sofortige Freistellung Abplanalps bekanntgegeben wurde. Sie ging um 17.29 Uhr raus. Der Direktor und der Leistungssportchef standen gemäss dieser Mitteilung zwischen 17.30 und 18.15 Uhr für Fragen zur Verfügung.

>>> In dieser Phase haben die Sportredaktionen mit der Produktion begonnen, die Privatradios und DRS3 setzen zwischen 17 und 18 Uhr ihre Schwerpunkte. Ausgerechnet in dieser ohnehin schon hektischen Phase einen “Slot” von gerade einmal 45 Minuten zur Verfügung zu stellen zeugt von einem merkwürdigen Medienverständnis. Es ist möglich, dass der Zeitpunkt bewusst gewählt wurde, weil der Verband diesen Fall möglichst “low profile” abhandeln wollte.

– In einem kurzen Interview bei Radio DRS sagte Andreas Wenger, Direktor von Swiss Ski, zu den Gründen für den Rauswurf Abplanalps:

“Nennen wir das Kind beim Namen. Es heisst Alkohol.”

>>> Das ist starker Tobak. Arbeitsrechtlich ist es gar nicht erlaubt, solche Vorwürfe in die Welt zu setzen. Abplanalp bestreitet das Alkohol-Problem dezidiert, der Verband wiederum kann es nicht belegen. An Abplanalp bleibt womöglich für längere Zeit kleben, dass er Alkoholiker sei könnte – kein Etikett, das ihm bei der Jobsuche hilft. (Welche Rolle der Alkohol spielt, wird von verschiedenen Quellen unterschiedlich beurteilt.)

– Nach dem kurzfristig bekannt gegebenen 45-Minuten-“Slot” für Medienschaffende wurden seitens des Verbands keinerlei Auskünfte mehr erteilt. Sportjournalisten versuchten telefonisch, per Mail und SMS die Funktionäre umzustimmen. Mit bescheidenem Erfolg. Der Redaktion der SF-“Sportlounge” gelang es, Interviews mit Dominique Gisin, Stefan Abplanalp und Mauro Pini einzufädeln. Sie wurden aber kurzfristig wieder abgesagt, der Leiter Kommunikation vermeldete knapp:

“Mauro steht wie alle anderen Exponenten in dieser Sache nicht mehr zur Verfügung.”

>>> Trainer und Athletinnen haben also einen Maulkorb erhalten. Das ist eine Verweigerung, mit der man nur verlieren kann. Mehrere Athletinnen äusserten sich trotzdem oder mit ihren Social-Media-Kanälen, beispielsweise Lara Gut über Twitter. Es entstand eine Kommunikations-Kakofonie, Journalisten ärgerten sich, grübelten weiter und verwerteten, was sie sich aufgrund ihres Vorwissens kombinieren konnten oder irgendwo aufgeschnappt hatten.

– Auf der Website von Swiss Ski findet man unter der Rubrik “Medienmitteilungen” bis heute – nichts. Präzisierung: Ein simpler Satz hängt im Netz:

Zukünftig finden Sie an dieser Stelle ein Archiv mit jeglichen Swiss-Ski Medienmitteilungen.

>>> Dass nicht einmal die Medienmitteilung zu Abplanalps Freistellung aufgeschaltet wurde, hinterlässt mich ratlos. Mauern, sich ducken und die Sache aussitzen – so scheint die Devise zu lauten. Die Kommunikationsabteilung ist personell nicht schlecht dotiert, sie besteht aus sechs Personen und einer Praktikantin.

– Verbands-Präsident Urs Lehmann bestreitet in der “Schweizer Illustrierten” (SI), die gestern herauskam, das grosse Interview. Natürlich wird auch der Fall Abplanalp/Pini thematisiert.

>>> Ein Präsident muss nicht bei jedem lauen Lüftchen vor die Medien. In diesem Fall hätte es Swiss Ski aber zweifellos zum Vorteil gereicht, wenn Lehmann letzte Woche Zeit für eine Medienkonferenz gehabt hätte. Auf diese Weise hätte er vielen Spekulationen entgegentreten und die Position des Verbandes detailliert erklären können. Stattdessen gewährt er einem einzigen Printmedium ein Interview. Auf Aussagen wie “wir waschen die Wäsche intern” hakt der SI-Journalist allerdings nicht nach.

Fazit: Dieser Fall ist ein Lehrbeispiel, wie man es nicht machen sollte. Gerade ein so grosser und wichtiger Sportverband wie Swiss Ski müsste eine andere Kommunikationskultur pflegen. Der Reputationsschaden ist geschehen, kommt das Team nicht bald zur Ruhe, wird auch der weitere Aufbau der Talente behindert. Und das spiegelt sich unweigerlich in den Resultaten und dann könnte es zur nächsten Eruption kommen. Ein Teufelskreis.

Mark Balsiger

Weitere Beiträge zum Thema:

– Wo die Gläser hell erklingen (NZZ am Sonntag, 26.02.; PDF)
– Kündigungsgrund geht niemanden etwas an (Tagi, 27.02.; PDF)

 

Wie Junge Erfolg haben können

GAST-BEITRAG von Samuel Kullmann*

Die Politikabstinenz der jungen Generation schwappt regelmässig in die Massenmedien. Allgemein wird jungen Menschen selten grosses politisches Interesse zugesprochen. Etablierte Parteien wiederum beklagen sich über fehlenden Nachwuchs. Doch selbst wenn junge Politikerinnen und Politiker sich organisieren und selber kandidieren, rechtfertigt der fehlende Erfolg nur selten den Aufwand.

Obwohl aus demokratietheoretischer Sicht Parlamente einigermassen repräsentativ sein sollten, ist die Gruppe der 18- bis 29-Jährigen in allen Parlamenten auf lokaler, kantonaler und nationaler Ebene massiv untervertreten. Erklärungen sind schnell zur Hand: Jungen fehle in der Regel ein grosser Bekanntheitsgrad und sie hätten nur bescheidene finanzielle Mittel zur Verfügung. Oft wird ihnen nahegelegt, sich zuerst durch die politischen Institutionen hochzuarbeiten und so ihre Sporen abzuverdienen.

Ist es wirklich so einfach? Spielen nicht institutionelle Faktoren eine viel grössere Rolle für die politische Untervertretung der Jugend als allgemein angenommen? Falls ja, wie könnten demokratische Lösungsvorschläge aussehen? Die Erörterung dieser Fragen war Gegenstand einer Arbeit, die ich zum Thema Parlamentsforschung verfasst habe. Die Arbeit bezog sich auf die Bernischen Parlamentswahlen 2006 (Grosser Rat).

Abbildung 1: Altersstruktur der Kandidierenden für den Grossen Rat im Kanton Bern.

Abbildung 2: Altersstruktur der Gewählten.

Aus Abbildung 1 ist ersichtlich, dass der Anteil der Kandidierenden zwischen 18 und 29 Jahren 20,5 Prozent beträgt, was dem Postulat einer pauschalen Politikverdrossenheit der Jugend klar widerspricht. Ganz anders hingegen zeigt sich das Bild bei der Altersstruktur der gewählten Grossratsmitglieder (Abbildung 2): Lediglich 1,9 Prozent der Gewählten sind 29 Jahre oder jünger. Im Vergleich zur Restbevölkerung ist die Jugend unter 30 im Grossen Rat im Verhältnis 1:10 untervertreten. Obwohl 18-Jährige seit 1991 das passive Wahlrecht haben, bleibt dieses Bürgerrecht für ihre Generation mangels realer Wahlchancen so gut wie bedeutungslos.

Doch was kann man tun, um jungen Kandidierenden bessere Wahlchancen zu ermöglichen? Daniel Bochsler (2005) schreibt:

“Schon seit langem hat die politikwissenschaftliche Forschung davon Abstand genommen, Wahlverfahren zwischen Verhältniswahl und Mehrheitswahl zu unterscheiden (vgl. Duverger 1951). Führende Wahlsystemforscher nennen die Grösse der Wahlkreise als entscheidendes Merkmal von Wahlsystemen (Taagepera/Shugart, 1989, 112ff.).”

Im Kanton Bern lag die Hürde für einen sicheren Sitz zwischen 3,5 (Wahlkreis Mittelland) und 7,7 Prozent (Berner Jura). Die stärkste junge Liste (Jungfreisinnige) scheiterte jedoch mit 2,4 Prozent deutlich an dieser Hürde. Da junge Kandidierende auch auf Stammlisten kaum Chancen haben, bestände ein Lösungsvorschlag darin, ein Wahlverfahren einzuführen, welches Junglisten stärkt.

Ein solches Wahlverfahren kann der so genannte “Doppelte Pukelsheim” sein. Es handelt sich um ein biproportionales Wahlverfahren, was bedeutet, dass die Sitzverteilung sowohl in Bezug auf die Gesamtheit der Wahlkreise wie auch auf den einzelnen Wahlkreis möglichst proportional sein soll. Das Verfahren wurde bereits in den Kantonen Zürich, Schaffhausen und Aargau eingeführt.

Auf die Schweiz bezogen: Tritt eine Jungpartei in allen 26 Kantonen mit einer eigenen Liste an und erreicht dabei 1,5 Wählerprozente, dann sind dieser Jungpartei 3 Sitze im Nationalrat garantiert. In welchen Kantonen diese Sitze der Jungpartei zufallen, wird über einen mathematischen Algorithmus ermittelt.

Dieses Sitzzuteilungsverfahren garantiert eine möglichst hohe Erfolgswertgleichheit der Wählerstimmen. Einen hohen Erfolgswert der Wählerstimme hatte bei den Nationalratswahlen 2007 beispielsweise die SP, welche mit 19,55 Prozent der Stimmen 21,5 Prozent der Sitze holte, also eigentlich 4 Sitze “zu viel”. Auch die SVP erzielte mit 29,01 Prozent der Stimmen 31 Prozent der Sitze, auch 4 Sitze “zu viel”.

Einen geringen Erfolgswert hatte die EVP vorzuweisen, welche mit 2,45 Prozent lediglich 1 Prozent der Sitze machte, 3 “zu wenig”. Der Erfolgswert für alle jungen Listen war gleich 0, da keine junge Liste die jeweilige Wahlkreishürde überwinden konnte.

Doppelter Pukelsheim würde Karriere der Jungen beschleunigen

In meiner Forschungsarbeit habe ich anhand dreier Modellrechnungen aufgezeigt, dass die Jungparteien im Kanton Bern bei den Grossratswahlen 2006 zusammen bis zu 21 Sitze (13,1 Prozent der Sitze) hätten erhalten können, wenn der “Doppelte Pukelsheim” zur Anwendung gekommen wäre. Die jungen Listen hätten natürlich vor allem auf Kosten ihrer Mutterparteien Sitze geholt. Die Kräfteverhältnisse zwischen den politischen Blöcken hätten sich kaum verändert, d.h. weder rechte noch linke Parteien wären irgendwie bevorzugt worden.

Die Basis der Demokratie ist, dass jede Stimme gleich viel zählt. Wegen teilweise hohen Wahlhürden (in 17 Kantonen liegt die Wahlhürde über 10 Prozent!) ist dies in der Schweiz nur beschränkt der Fall. Biproportionale Wahlverfahren wie der “Doppelte Pukelsheim” garantieren, dass jede Stimme bestmöglich in Sitze umgewandelt und der Wählerwille so gut wie nur möglich abgebildet wird. Gerade Jungparteien hätten dadurch eine äusserst gute Chance auf eine einigermassen repräsentative Vertretung in Parlamenten.

Eine Änderung des heutigen Wahlsystems erfordert aber immer noch eine mehrheitliche Zustimmung bei den heutigen Entscheidungsträgern. Die etablierten Parteien müssen sich der Frage stellen, ob sie ihre jungen Listen weiterhin als strategisch geschickte Stimmenlieferanten einsetzen oder als gleichberechtigte politische Partner mit realen Wahlchancen fördern wollen.

* Samuel Kullmann (25) studiert im Hauptfach Politologie an der Uni Bern und im Nebenfach Judaistik an der Uni Luzern. Er wohnt in Uetendorf (BE) und war selbst zwei Mal Grossratskandidat. Seinen ersten Beitrag im wahlkampfblog verfasste er im Sommer 2011 über Frauen-Kandidaturen.

– Foto Samuel Kullmann: zvg
– Grafiken: Staatskanzlei des Kantons Bern

Hans geht ins Stöckli, Adrian Amstutz wieder zurück in den Nationalrat

Dass Werner Luginbühl (bdp) die Wiederwahl als Ständerat locker schafft, war schon seit Wochen klar. Völlig offen präsentierte sich der Zweikampf zwischen Adrian Amstutz (svp; links) und Hans Stöckli (sp). Überraschend holte nun der ehemalige Bieler Stadtpräsident rund 21’000 Stimmen mehr als der bisherige SVPler. Entscheidend waren die Mitte und das Image Amstutz’.

Gewonnen hat heute auch die Fairness: So gratulierte der SVP-Kantonalpräsident Rudolf Joder in den elektronischen Medien den Siegern Werner Luginbühl und Hans Stöckli. Und auch der abgewählte Adrian Amstutz war in den vielen Interviews, die ich im Berner Rathaus mitlauschte, ein Verlierer, der stets den richtigen Ton traf.

Der Coup für die SP wurde im strukturell klar bürgerlich wählenden Kanton Bern möglich, weil im ersten Wahlgang vom 23. Oktober kein Kandidat das absolute Mehr erreicht hatte. Ein Ausstich wie im letzten März bei der Sommaruga-Ersatzwahl hätte erneut zu einem Fotofinish geführt. Zwei leere Zeilen eröffneten den Wählerinnen und Wählern dieses Mal mehr taktische Möglichkeiten.

In einer Erstanalyse lässt sich feststellen, dass der bisherige Werner Luginbühl nicht nur die eigene Partei und die FDP, sondern auch die kleinen Mitteparteien und den rot-grünen Block hinter sich hatte. Diese breite Allianz macht ihn mit fast 50’000 Stimmen Vorsprung auf Stöckli zum grossen Sieger des Tages. Die Umarmung der SVP nicht zu erwidern, erwies sich als richtig: Ein Päckli Amstutz-Luginbühl hätte viele Mitte-links-Wähler abgeschreckt.

Hans Stöckli – mit dem Slogan Hans ins Stöckli angetreten – kriegte nebst Rot-Grün die Unterstützung aus der Mitte und von vielen liberalen Freisinnigen. Adrian Amstutz hingegen konnte sein Wählerpotenzial gegenüber dem ersten Wahlgang nur noch sehr bescheiden ausbauen (+ 3.9%) – ganz im Gegensatz zu Luginbühl (+ 25.5%) und Hans Stöckli (+ 14.4%).


Quelle: Staatskanzlei des Kantons Bern / Zahlen ohne Gewähr / Grafik: wahlkampfblog

Die Wahl von Luginbühl und Stöckli ist auch als resolutes Votum gegen den SVP-Kandidaten zu interpretieren. Die Anti-Amstutz-Allianz ist in den letzten Wochen kräftig gewachsen.

Amstutz machte sich mit einem klaren Profil und einer scharfen Rhetorik landesweit bekannt. Das geht zulasten der Mehrheitsfähigkeit, die es für eine Wahl in den Ständerat braucht. Nach dem ersten Wahlgang vor vier Wochen versuchte Amstutz eine Image-Korrektur, um so Mitte-Wähler ansprechen zu können. Die SVP entschied sich im zweiten Wahlgang für das Ticket Amstutz-Luginbühl. Das war eine völlig überraschende Volte, der die Glaubwürdigkeit abging.

Image-Korrekturen brauchen in der Regel jahrelang, bis sie beim Publikum ankommen und sich festsetzen – gerade in der Politik. Adrian Amstutz bekam das heute schmerzhaft zu spüren. Nach einem kurzen Abstecher ins Stöckli politisiert er von nun an wieder im Nationalrat. Wegen seiner Abwahl dürfte er als Bundesratskandidat nicht in Frage kommen.

Eine Anekdote aus dem Berner Ratshaus, deren Symbolik für das Resultat des zweiten Wahlgangs steht: SRF-Bundeshausjournalist Hanspeter Forster bat Adrian Amstutz um ein Interview. Dieser machte sich bereit und fragte, ganz Profi, ob seine Kleidung in Ordnung sei. Die Fernsehcrew Forsters wies auf die Krawatte hin, die nicht mehr ganz sass. Amstutz verschwand in der Toilette, und ich raunte Forster zu: ” Der Krawattenknopf hing rechts, nicht?” Das In-die-Mitte-Rücken hätte schon vor vier Jahren geschehen müssen.

Mark Balsiger

Fotomontage Adrian Amstutz und Hans Stöckli: drs.ch

Die Faktoren für Wahlerfolg von Parteien

Demoskopen und Politologinnen sind in einem ständigen Wechselbad: Entweder sie kriegen verbal Prügel oder ihre Studien, Umfragen und Prognosen werden von den Primärakteure im Brustton der Überzeugung zitiert.

Die meisten Medien wiederum sind schon vor Jahren dazu übergegangen, im Vorfeld der Wahltermine die Wackelsitze zu benennen oder sogar den Ausgang vorwegzunehmen. Die “Berner Zeitung” von gestern zeigt das exemplarisch. Die bereits Abgewählten können sich bedanken, die frühzeitig Erkorenen auch. (Ersteren hilft die Nennung für eine Schlussmobilisierung, Zweiteren schadet der medial verliehene Glanz.)

Als Service für die Leserinnen und Leser dieses Blogs stellte ich die Ergebnisse des Nationalratswahlen 2007 sowie die Momentaufnahmen der zuverlässigsten Umfragen (Isopublic sowie das 7. SRG-Wahlbarometer von gfs.bern) und der SRF-Wahlbörse zusammen:


Quellen: bfs, SonntagsBlick, srf, zoonpoliticon.ch; alle Angaben ohne Gewähr

Und gleich nochmals dieselbe Darstellung in einer grösseren PDF-Datei zum Ausdrucken:

Nationalratswahlen: Ergebnisse 2007, Umfragewerte und Prognosen 2011 (PDF)

Umfrageinstitute arbeiten mit Samples, die in der Regel zwischen 600 und 1200 Befragte umfassen. Wahlbörsen basieren auf dem fiktiven Handel von Aktien; im Fall der SRF-Wahlbörse sind ein paar Hundert Händlerinnen und Händler am Werk.

Was mich mehr interessiert, ist eine systematische Einordnung der wichtigsten Faktoren, die für die Parteien zum Wahlerfolg führen. Mein erster Vorschlag unterscheidet drei verschiedene Kategorien:


A-Faktoren:

– Image der Partei
– Schlüsselfiguren (Bekanntheitsgrad, Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Popularität)
– Themenkonjunktur
– Themenführerschaft
– Medienpräsenz


B-Faktoren:

– Strategie
– Geld
– Anzahl Parteimitglieder und Sympathisanten


C-Faktoren:

– Wahlkampagne
– Unterstützung durch Organisationen
– Mobilisierungsfähigkeit
– Auswirkung von Meinungsumfragen
– Auswirkungen der kantonalen Wahlen im selben Jahr (v.a. Kanton Zürich)

Die A-Faktoren erachte ich als zentral, die B- und C-Faktoren hingegen sind etwas weniger wichtig. Der Versuch, ein Modell zu erarbeiten, steht damit erst am Anfang. Nun hoffe ich auf Inputs – hier und im realen Leben. Was meinen die jungen und engagierten Bloggenden, was der grosse Meister des Fachs?

Meine Prognose werde ich am Samstag hier publizieren.

Mark Balsiger

Grafik: border-crossing/wahlkampfblog

Weshalb Urs Gasche, Regula Rytz und Alexander Tschäppät bereits gewählt sind

Weshalb werden die einen Kandidierenden gewählt, während andere auf der Strecke bleiben? Diese Frage treibt Politisierende, Medienschaffende, Wissenschaftlerinnen und Kafisatzleser um. Das 26-Erfolgsfaktoren-Modell, das ich 2006 entwickelte und im letzten Jahr verfeinerte, schlüsselt auf, was es für den Sprung ins eidgenössische Parlament braucht. (Das Modell wird am Ende dieses Postings als PDF aufgeführt.) Drei Beispiele aus dem Kanton Bern, die gleichsam als Prognosen zu verstehen sind.

Ausgangslage: Im Kanton Bern stehen 26 Nationalratssitze zur Verfügung. Auf Ende dieser Legislatur gibt es drei ordentliche Rücktritte zu vermelden, und zwar von Therese Frösch (Grüne), Simon Schenk (svp) und Pierre Triponez (fdp). Mit Sicherheit wird ein vierter Sitz frei: Ricardo Lumengo (ex-sp) kann sein Mandat mit der neuen Sozial-Liberalen Bewegung nicht verteidigen. Dafür müsste diese approx. 3,8 Wählerprozente erringen – ein hoffnungsloses Unterfangen.

Nebenbei: In der Berner Deputation gibt es mehrere Wackelsitze – bei der FDP, der SP und der SVP.

Urs Gasche hat die klassische Ochsentour hinter sich; sie begann 1986 als Sekretär der SVP-Sektion Fraubrunnen. Weitherum bekannt wurde er als Regierungsrat des Kantons Bern, dem er von 2001 bis 2010 angehörte. In diesem Gremium war er eine zentrale Figur, seine Stimme wurde gehört und hatte Gewicht. In seiner Funktion als Finanzdirektor und mit der mächtigsten Partei im Rücken kam niemand um Gasche herum.

Der Jurist wirkte als Regierungsrat geerdet, ruhig und souverän. Er schien stets eine gesunde Distanz zur Poltik und zu seiner Machtfülle zu haben; wichtig nahm er sich nicht. Das mag mit einem Schicksalsschlag zu tun haben, der sein Leben prägte. Mitte der Neunzigerjahre verstarb seine Gattin, mit seiner zweiten Frau hat er zwei Kinder, die derzeit im Primarschulalter sind. Der Verlust eines geliebten Menschen führt schmerzhaft vor Augen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Eigene Kinder machen pragmatisch und geben Bodenhaftung.

Urs Gasche (56) gehörte im Sommer 2008 zu den Gründungsmitgliedern der BDP. Als er ein Jahr später bekanntgab, auf Ende der Legislatur (Frühjahr 2010) aus dem Regierungsrat zurückzutreten, hätte ich gewettet, dass er sich dann auch komplett aus der Politik verabschiedet. Dass er nun für den Nationalrat kandidiert, dürfte an seinem Pflichtbewusstsein gegenüber seiner neuen Partei liegen. Sie braucht gerade in der jetzigen Phase gute und erfahrene Leute, will sie nicht schon bald wieder von der Bildfläche verschwinden.

Als kantonsweit bekannte und geschätzte Persönlichkeit kann Gasche dem Wahltag gelassen entgegenblicken. Seine Rolle als Verwaltungsratspräsident des Stromkonzerns und AKW-Mühleberg-Betreiber BKW dürfte ihm nur geringfügig schaden. Die BDP wird am 23. Oktober nicht nur die Sitze der beiden Überwechsler Ursula Haller und Hans Grunder bestätigen können, sondern noch einen, womöglich sogar zwei weitere Nationalratssitze ergattern. Gasche wird gewählt. Verzichtet die BDP auf eine Fraktionsgemeinschaft mit der CVP, kann er zur zentralen Figur werden.

Regula Rytz gehörte 1987 zu den Gründungsmitgliedern des Grünen Bündnisses (GB). In den ersten Jahren erlernte sie das politische Handwerk im Parteisekretariat und als Beraterin der damaligen Stadtberner Finanzdirektorin Therese Frösch. Von 1995 bis 2005 war sie Grossrätin, wo sie sich den Ruf einer dossiersicheren, eloquenten und klugen Politikerin erarbeitete, die auch von politischen Gegnern respektiert wurde.

Im Herbst 2004 wurde Rytz mit einem hauchdünnen Vorsprung auf Alec von Graffenried (GFL) in die Exekutive der Stadt Bern gewählt – als Nachfolgerin von Therese Frösch, für die sie ja zuvor im Hintergrund gearbeitet hatte. Den Wechsel vom kantonalen Parlament in die städtische Regierung schaffte die zierliche Frau mit Bravour. Sie ist enorm fleissig, überlegt und stets voller Energie. Und sie verfügt über Qualitäten, die man bei anderen Politikern vergeblich sucht: So hat sie einen weiten Horizont, ein echtes Interesse an den Mitmenschen und sie kann zuhören, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Während vereinzelte Parteikolleginnen stur, mit gesenktem Blick und schriller Stimme die Welt täglich verbessern wollen, setzt Regula Rytz (49) auf die Kraft des Dialogs, auf Konsens und Charme. Auf diese Weise erreicht sie bis am Ende des Tages etwas. Sie will gestalten, tut das mit Engagement, Herzblut, Pragmatismus, viel Lust und mit einem gesunden Machtbewusstsein, ohne aber eitel zu sein.

Die Konstellation für den Sprung in den Nationalrat ist ideal: Therese Frösch tritt zurück, Regula Rytz wird ihren Sitz erben. Sie kann auf eine grosse Hausmacht in den rot-grün dominierten Städten Bern und Biel zählen. Im Grossraum Thun, wo sie aufgewachsen war, betreibt sie seit Monaten einen intensiven Wahlkampf. Derart unbestritten, beliebt und gut getragen, ist ihr die Wahl nicht zu nehmen. Für die grüne Fraktion ist Rytz ein Glücksfall: Endlich jemand, der neben Bastien Girod (ZH) und Antonio Hodgers (GE) auch wirklich etwas von Verkehrs- und Energiepolitik versteht, gleichzeitig aber weiss, wie man über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeitet, ohne die politischen Gegner kopfscheu zu machen.

Alexander Tschäppät ist seit 1980 in der Politik. Er kann nicht ohne sein, der bunte Hund, der nie um einen Spruch verlegen ist, und zumindestens in der Stadt Bern gibt es vermutlich niemanden, der keine Meinung über den Stadtpräsidenten hätte. Kritisiert wird der Stapi beispielsweise, wenn er Testosteron und Pheromone Polka tanzen lässt oder die gut geölte Zunge sich verselbstständigt.

Solche Ausrutscher machen Tschäppät natürlich angreifbar, sie zeigen ihn allerdings auch von einer Seite, die Zehntausende von Männern auch immer mal wieder ausleben. Aber Tschäppät ist ein schweizweit bekannter Politiker, der wissen müsste, dass es für ihn ausserhalb seiner eigenen vier Wände keine Privatsphäre gibt. Diese Schwäche rückt zuweilen in den Hintergrund, dass er ein ausgesprochen gewiefter Taktiker, herausragender Debattierer und gescheiter Politiker ist. Sein politischer Instinkt ist unerreicht, genauso wie seine Begabung als Verkäufer.

Das Comeback von Alexander Tschäppät (59) nach acht Jahren Pause ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wegen der Abwahl Lumengos gibt es auf der Männerliste der SP Platz – der dritte Sitz gehört Tschäppät. Mit seinem Bekanntheitsgrad ist ihm die Wahl nicht zu nehmen, er dürfte sogar den Bisherigen Corrado Pardini hinter sich lassen. In der Phase von 1991 bis 2003 gehörte Tschäppät in der SP-Bundeshausfraktion zu den tonangebenden Mitgliedern. Offen ist, ob er das noch ein zweites Mal schafft und wie sich das 60-Prozent-Pensum als Nationalrat mit einem 100-Prozent-Pensum als Stadtpräsident verträgt.

Urs Gasche (bdp), Regula Rytz (grüne) und Alexander Tschäppät (sp) – alle drei sind seit vielen Jahren stetig präsent in den Medien, sie sind im ganzen Kanton bekannt und gut vernetzt. Sie bringen es gemäss meinem Modell auf 20 bis 23 Erfolgsfaktoren. Alle drei werden sie am 23. Oktober locker in den Nationalrat gewählt. Wetten nehme ich ab sofort entgegen.

Mark Balsiger

Das 26-Erfolgsfaktoren-Modell zum Herunterladen (PDF)

Fotos:

– Urs Gasche: smartvote.ch
– Regula Rytz: Béatrice Devénes
– Alexander Tschäppät: bern.ch

Die Juso, das Bier und der Kühlturm

Werbung wirkt oder wird nicht zur Kenntnis genommen. Zweiteres kommt sehr oft vor. Das gilt insbesondere auch für politische Werbung.

Aus der Sommerpause melden sich die Juso des Kantons Bern zurück. Mit diesem Sujet ziehen sie in den Wahlkampf 2011:

Was sofort auffällt, ist die grafische Qualität. Da hat niemand über Nacht irgendwie am Desktop herumgebastelt. Dieses Mal war ein Profi am Werk. Das kontrastiert mit dem Schrott, exgüsé, den die Juso in früheren Jahren produzierte. Damals galt offensichtlich die Losung: provozieren auf Teufel komm raus.

Ein neuer Stil? Oder Zufall?

Das Kühlturm-Sujet ist keine Bieridee, sondern clever, weil die AKW-Problematik Mühleberg und Fukushima aufgegriffen wird. Ob es allerdings knallt, d.h. ein Schwarztreffer wird, ist offen. Ein Bürokollege von mir – nicht Suppino – meinte eben, das Sujet sei “etwas verkopft”. In der Tat braucht man mehr als eine halbe Sekunde, bis der Groschen fällt. Wer den Bier-Kühlturm auf einem Flyer in den Händen hält, wird abgeholt, wer das Sujet flüchtig im Netz oder als Plakat auf der Strasse sieht, bleibt womöglich auf der Strecke.

Frauen-Kandidaturen sind erfolgreicher

GAST-BEITRAG von Samuel Kullmann*

Im Herbst 2011 finden die eidgenössischen Wahlen statt, tausende von Kandidierenden werden sich um die Gunst des Wahlvolks bemühen. Trotz individuellen Budgets, die teilweise 100’000 Franken übersteigen, ist ein Erfolg noch lange nicht garantiert. Will heissen: Mit Geld lässt sich kein Sitz kaufen. Doch welche Faktoren können zum Wahlerfolg führen?

In meiner Bachelorarbeit habe ich 9 verschiedene Faktoren untersucht. Welchen Einfluss hatten sie auf den durchschnittlichen Stimmenanteil eines Kandidaten? Als Forschungsobjekt wählte ich die Parlamentswahlen im Kanton Bern, die im Frühjahr 2010 stattfanden.

Zunächst die 9 Faktoren, die ich untersuchte:

– Stärke der Liste bzw. der Partei
– Bisherigen-Status
– Vorkumulierung
– Listenplatz
– gleichzeitige Regierungsratskandidatur
– Geschlecht
– Alter
– Smartvote
– Facebook

Mittels einer sogenannten multivariaten Regressionsanalyse wurden die Daten aller 1938 Personen, die für den Berner Grossrat kandidierten, statistisch ausgewertet. Die positiven Effekte der ersten drei Faktoren liegen auf der Hand und konnten entsprechend klar nachgewiesen werden: Je stärker die Liste eines Kandidierenden abschneidet, desto mehr individuelle Stimmen machen die Personen auf dieser Liste.

Auch der Bisherigen-Status bringt offensichtlich grosse Vorteile: Bisherige machten im Schnitt 2153 Stimmen mehr als ihre Konkurrenten. In den allermeisten Fällen reichte dieser Stimmenvorsprung um neuantretende Kandidierende (weit) hinter sich zu lassen. Nur sieben Mal gelang es einem Neuen, den Bisherigen zu überholen. Wer vorkumuliert auf einer Liste aufgeführt wurde, erzielte durchschnittlich 804 Stimmen mehr.

Der Effekt des Listenplatzes ist in der politikwissenschaftlichen Literatur immer wieder kontrovers diskutiert worden. Allerdings dürfte er nicht die grosse Bedeutung haben, die man ihm in vielen Wahlkreisen zumisst. So verloren in meiner Analyse Kandidierende mit jedem schlechteren Listenplatz als dem ersten im Durchschnitt 10 Stimmen.

Eine gleichzeitige Regierungsratskandidatur brachte hingegen gleich 694 mehr Stimmen, allerdings muss dieses Ergebnis wegen der kleinen Fallzahl (n=7) vorsichtig interpretiert werden.

Die grosse Überraschung liegt hingegen beim Einfluss des Geschlechts. Unter Kontrolle aller anderen Variablen erzielten Kandidatinnen durchschnittlich 77 Stimmen mehr als ihre männlichen Herausforderer. Dieses Ergebnis mag angesichts des tiefen Frauenanteils von 26 Prozent paradox erscheinen. Allerdings besagt es lediglich, dass Frauen bei dieser Wahl nicht direkt diskriminiert wurden, und Gründe für die Untervertretung der Frauen woanders gesucht werden müssten. Ein Grund ist die geringe Anzahl Kandidatinnen, wie die folgende Abbildung zeigt:

Beim Alter konnte ein quadratischer Effekt festgestellt werden. Jüngere und ältere Kandidierende erzielen deutlich weniger Stimmen als Kandidierende im mittleren Alter. Vor allem ab dem Rentneralter nimmt die Stimmenzahl rapide ab. Besonders 18- bis 30-Jährige haben es schwer, ein Mandat zu erreichen. Einerseits sind junge Listen praktisch überall und immer chancenlos, zudem machen jüngere Kandidierende auf Stammlisten normalerweise deutlich weniger Stimmen als andere.


Besonders gespannt war ich auf die Effekte der neuen Medien Smartvote (Nutzung durch Kandidierende: 77 Prozent) und Facebook (Nutzung: 11 Prozent). Wer auf Smartvote ein Profil erstellt hatte, konnte im Schnitt 86 Stimmen mehr aufweisen. Dieser Effekt ist zwar noch lange nicht matchentscheidend, jedoch dürfte die Bedeutung von Wahlhilfen wie Smartvote immer mehr zunehmen.

Auch die 204 Facebook-User dürfen annehmen, dass sich ihr Online-Wahlkampf vermutlich gelohnt hat. Wessen Facebook-Unterstützungsgruppe z.B. 200 Personen aufwies, kam im Durchschnitt mit einem Plus von 160 Stimmen.

Bei der Interpretation dieser Ergebnisse muss beachtet werden, dass alle Werte den Durchschnitt über alle Parteien und Listen hinweg angeben. Selbstverständlich sind allfällige Effekte bei grösseren Parteien ausgeprägter. So würde eine SVP-Kandidatin auch mehr von einer Smartvote-Teilnahme profitieren als ein Kandidat der Piratenpartei.

Im Rahmen dieser Bachelorarbeit konnte ich weitere Interessante Faktoren, wie Wahlkampfbudget, Motivation, Attraktivität und bisherige politische Erfahrung nicht untersuchen, da die Erhebung dieser Daten für 1938 Kandidierende schlicht und einfach zu viel Aufwand bedeutet hätte. Ich hoffe jedoch, mit dieser Arbeit den Einfluss einiger wichtiger Faktoren beleuchtet zu haben. Vielleicht kann diese Arbeit auch zu weiteren und umfassenderen Forschungen anregen.

* Samuel Kullmann studierte an der Universität Bern Politikwissenschaften und Anglistik. Im Frühjahr 2010 war er zudem Grossratskandidat für die EDU im Wahlkreis Thun.

– Foto Samuel Kullmann: zvg
– Grafiken: Samuel Kullmann

Drei Frühstarter und eine Innovation

Vor vier Jahren war Barbara Schmid-Federer die erste Nationalratskandidatin im Kanton Zürich, die im gekauften Raum für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Dieser Tage präsentierte sie ihr Plakat für die Kampagne 2011. Unten links ist ein “Kringel” zu erkennen, vergleichbar mit den Strichcodes, die beispielsweise von den Grossverteilern zum Einlesen ihrer Produkte verwendet werden.

Wer dieses Plakat mit seinem Smartphone fotografiert, erhält weitere Informationen, oder anders ausgedrückt: aus der wilden Anordnung von Pixeln werden Worte oder neue Bilder. Im Fall von Schmid-Federers Plakat wird man auf einen Youtube-Clip weitergeleitet. Voraussetzung: Das Smartphone ist mit dem notwendigen App (Kurzform für Applikation bzw. Application), einem Reader, ausgerüstet. Sonst geht gar nichts.

Das Plakat ist ein klassisches Medium, das nur die Einwegkommunikation zulässt. Vor diesem Hintergrund ist es innovativ oder zumindest einen Versuch wert, einen sogenannten QR-Code zu integrieren. In der politischen Werbung habe ich solche Strichcodes noch nie gesehen, obwohl sie in der Industrie schon seit einigen Jahren verwendet werden. Der grosse Durchbruch blieb allerdings bislang aus.

Im Kanton Bern ist Thomas Mattig (fdp) der erste Nationalratskandidat, der im gekauften Raum sichtbar wurde. Sein Farbinserat erschien zum ersten Mal am 7. Mai in der “Berner Zeitung” und im “Bund”, am letzten Samstag  folgte das zweite. Der Gesundheitsspezialist mit Walliser Wurzeln brachte es auf Anfrage so einfach, wie überzeugend auf den Punkt: “Wenn ich jetzt für mich werbe, bin ich noch allein auf weiter Flur. Nach den Sommerferien buhlen Hunderte von Kandidierenden um Aufmerksamkeit.”

Die Frage ist, ob sich die Wählerinnen und Wähler am 23. Oktober noch an Mattig, der einst im Mai für sich warb, erinnern können.

Auf dieses Teaser-Plakat setzte letzte Woche ein anderer Kandidat. Er liess es u.a. beim Bahnhof Bern aushängen.

Bei der Umfrage in meinem persönlichen Umfeld – politisch durchaus interessiert – wurden die Parteien CVP, Grüne, GLP und SP als mögliche Absender genannt. Die Schrift in weissen Grossbuchstaben dechiffrierte niemand zielsicher als SP-Design. Das ist für die Macherinnen ernüchternd, wurde doch das neue Corporate Design der Sozialdemokraten vor knapp zwei Jahren eingeführt.

Hinter der Teaser-Kampagne steckt allerdings nicht die Berner SP, sondern einzig und allein ihr Kandidat Matthias Aebischer. Das Plakat ziert den Hinterkopf des ehemaligen Fernsehmannes. Dank Glück, Prominenz oder guten Verbindungen in die Redaktion von “20Minuten” wird der Teaser heute aufgelöst – ein Foto ist auch dabei.
Auch ein wandernder Blogger und ein paar Twitterer verbreiteten die News. Solche kleine Teil-Öffentlichkeiten bedeuten natürlich noch keine signifikant besseren Wahlchancen, sie können aber das Image eines Kandididaten verändern. Im Falle Aebischers heisst das: Er kann als keck und kreativ wahrgenommen werden.

Wenn Massenmedien über frühe Kampagnenstarts, Innovationen oder Teaser berichten, hat sich der Aufwand der Wahlkämpfer definitiv gelohnt.

Mark Balsiger

Sujet und Fotos:

– Plakat: schmid-federer.ch
– Teaser-Plakat: Mark Balsiger
– Matthias Aebischer: 20 Minuten/mar

 

P.S.   Transparenz: Niemand unter den genannten Kandidierenden ist im Portfolio meiner Kommunikationsagentur. Man darf aber davon ausgehen, dass sie meine beiden Handbücher gelesen haben. Soviel Eigenwerbung dürfe sein, findet sogar Bürokollege Suppino.