“Journalisten sollten ernsthafter werden – und die Leserschaft ernst nehmen”

Alljährlich im November findet der Berner Medientag statt. Dieses Mal stand er unter dem Motto “Ausgepresste Presse – ist die abonnierte Zeitung am Ende?”

Ich verzichte darauf, den Content, pardon, den Inhalt der Podiumsdiskussionen näher zu beleuchten. Ein halbes Dutzend Kernaussagen sind auf meinem Twitter-Account festgehalten. Die Gedanken von Hanspeter Spörri (Foto), von 2000 – bis 2007 Chefredaktor am “Bund” und seither freier Publizist, finde ich wertvoll.

Es lohnt sich, Spörris Gedanken wirken zu lassen, ich gebe sie deshalb stark gekürzt weiter. In der Rolle des Provokateurs ortete er sechs Probleme – er nannte es Fehler -, die bei den klassischen Printmedien gemacht werden:

1.  Es wird Content statt journalistischer Inhalt produziert. Content ist austauschbar, Retortenjournalismus.

2.  Die Stimmung auf den Redaktionen ist miserabel. Der Output steigt, die Intensität nimmt ab. Journalismus ist ein Beruf, in dem man nicht mehr anständig alt werden darf.

3.  Es herrscht Vulgär-Optimismus. Da es seit nunmehr neun Jahren abwärts geht, wird der Optimismus zum Zwang.

4.  Medien biedern sich dem Publikum an. Sie werden zuerst schneller, dann regionaler, später life-styliger oder umgekehrt, usw.

5.  Journalisten sind eitel geworden und zu wenig selbstkritisch. Sie sollten ernsthafter werden und die Leserschaft ernst nehmen.

6.  Journalisten sind zu wenig optimistisch.

Foto Hanspeter Spörri: Daniel Bernet

Die BDP und Hans Grunder feiern heute, doch morgen geht die Knochenarbeit weiter

RWY20080602_28Dieses Wochenende kann die BDP Schweiz ihren ersten Geburtstag feiern. Auf den ersten Blick ist die Geschichte der BDP eine Erfolgsgeschichte: Sie hat eine Bundesrätin, eine sechsköpfige Fraktion im eidgenössischen Parlament, 10 kantonale Sektionen und bereits zwischen 5000 und 6000 Parteimitglieder.

Das ist in den letzten 90 Jahren der erfolgreichste Start, den eine Partei in der Schweiz hingelegt hat. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg war sinnigerweise eine Vorläuferpartei der heutigen SVP ähnlich erfolgreich. Sie spaltete sich vom Freisinn ab, und die Berner Bauernpartei, die bald als Bernische Bauern- und Gewerbepartei (BGB) firmierte, avancierte bereits 1919 zur mächtigsten Kraft im Kanton. Sie ist es noch heute, unter dem Namen SVP, wenn auch mit gerupften Federn.

Eben an diese BGB und deren Werte rief BDP-Präsident Hans Grunder (Bild) in den letzten Monaten oft in Erinnerung. Sie dient ihm und Teilen seiner Gefolgschaft als Vorbild, was zuweilen den Vorwurf provoziert, die neue Partei sei bloss eine “anständigere SVP”. Grunder ist ein Daueroptimist, er rechnet bei den eidgenössischen Wahlen 2011 mit einer Verdoppelung der Nationalratssitze, also neu 10.

Der Lackmustest kommt bereit im März nächsten Jahres. Dann muss sich die BDP im Kanton Bern, dort, wo die Abspaltung von der SVP ihren Anfang nahm, behaupten. Es gilt, den “geerbten” Regierungsratssitz von Urs Gasche und die 17 Sitze im Kantonsparlament zu verteidigen. Das wird eine Herkulesaufgabe.

Eine Aufgabe, die als noch schwieriger bezeichnet werden kann, ist die Verteidigung des Bundesratssitzes. Eveline Widmer-Schlumpf wird oft als Hors-sol-Bundesrätin bezeichnet. Wenn die grossen Fraktionen im Dezember 2011 sich darauf verständigen, die arithemtische Konkordanz (weiter) aufrecht zu erhalten, hat Widmer-Schlumpf kaum eine Chance.

Die SVP wird auf einen zweiten “echten” Sitz in der Landesregierung pochen, und wenn sie auf eine einigermassen gemässigte Kandidatur setzt, dürfte sie damit auch reüssieren. Widmer-Schlumpf hat deshalb theoretisch vier Möglichkeiten:

1.  Sie stellt sich diesem Kampf, verliert ehrenhaft und verlässt den Bundesrat erhobenen Hauptes und womöglich mit einem guten bis sehr guten Leistungsausweis
2.  Sie gibt frühzeitig ihre Demission auf Ende 2011 bekannt
3.  Sie wechselt abermals die Partei, dieses Mal zur CVP. Ob dieser Schritt allerdings ihre Chancen auf eine Wiederwahl signifikant verbessern würde, steht in den Sternen
4.  Sie setzt auf das Prinzip Hoffnung bzw. das labile Zweckbündnis, das ihr im Dezember 2007 bereits zum Sieg gegen Christoph Blocher verholfen hatte

Die Entscheidung Widmer-Schlumpfs wird zum Schlüssel für die weitere Entwicklung der SVP. Macht die Bündnerin 2011 keine Anstalten, aus dem Bundesrat zurückzutreten, ist das Wahlkampfthema Nummer 1 bereits gesetzt und damit könnte die Volkspartei weiter zulegen. Mögliche Personalrochaden im Bundesrat interessieren nicht nur die Skandalisierungsmedien (einer von Kurt Imhofs Lieblingsbegriffen) viel mehr als Sachfragen.

Für die BDP geht die Knochenarbeit nach dem Feiern an diesem Wochenende in jedem Fall weiter. Es braucht 20 Jahre, bis eine Partei etabliert ist, 19 haben sie noch vor sich.

Mark Balsiger

Weitere Postings zum Thema:

Der Rücktritt von Urs Gasche führt zur ersten grossen Nagelprobe für die BDP (5. August 2009)
BDP: Es braucht die richtige Duftnote (3. Juni 2008)


Foto Hans Grunder: news.ch


Der “Bund” im neuen Gewand – und damit hat sich der Kreis geschlossen

Jetzt ist er also da, der neue “Bund”. Heute morgen, noch vor 6 Uhr, fischte ich ihn aus dem Briefkasten. Um halb sieben verteilten ihn Kolporteure beim Bahnhof Bern und im Hirschengraben.

Der Relaunch wird die Kontroverse Inhalt vs Form voruebergehend wieder in den Vordergrund spühlen. In den nächsten zwei oder drei Wochen wird sie in vielen Leserbriefen aufscheinen.

Zum neuen Layout, der Blattarchitektur usw. äussere ich mich nicht, weil mir der Inhalt viel wichtiger ist. Ich bin neugierig auf den Faszikel “Der Kleine Bund”, der von nun an täglich erscheinen wird. Wenn er regelmässig überrascht, mit guten langen Texten und Interviews aufwartet und gleichwohl das kulturelle Geschehen in Bern abbildet, dann, ja dann verbringe ich noch mehr Zeit bei der Lektüre. In Ergänzung zur “Bund”-eigenen Werbung lese ich also nicht nur “noch besser”, sondern hoffentlich auch noch länger.

Wenn der “Bund” reüssieren will, muessen drei Bereiche speziell beachtet werden:

– Journalistische Qualität
– Lesermarketing
– Standhaftigkeit der Tamedia (Wenn die Verlagsmanager ihr Wort nicht halten, steht die Zukunft des “Bund” vielleicht schon bald wieder zur Disposition)

Mit dem neu eingekleideten “Bund” schliesst sich fuer mich der Kreis. Die Rettung zugunsten der Berner Traditionszeitung hatte vom 30. November auf den 1. Dezember 2008 mit einer schlaflosen Nacht begonnen. In den folgenden Wochen war ich damit beschäftigt, ein breit abgestütztes Komitee aufzubauen.

Die Ferien, die ich damals, von Ende Dezember bis Mitte Januar geplant hatte, strich ich kurzerhand. Jetzt kompensiere ich sie teilweise, und deshalb kommt dieses Posting auch zwei Tage zu spät. Den Beginn konnte ich am Donnerstagmorgen noch verfassen, dann musste ich los.

Mark Balsiger

Das Beste an Michelle Hunziker…

Dass ich eine emotionale Bindung zur Berner Tageszeitung “Der Bund” habe, ist regelmässigen Besucherinnen und Besuchern dieses Blogs zweifellos aufgefallen. Eine solche Zeitung darf nicht einfach eingehen oder fusioniert werden, so wie das im letzten Winter angedacht war.

Wieso? Im “Bund” findet man beispielsweise immer wieder Perlen, eine davon in der heutigen Ausgabe. Sie dreht sich um die blonde Exil-Bernerin “La Hunziker”, die am Samstag erstmals Thomas Gottschalk in “Wetten dass…?” assistieren durfte.

Ich habe die Sendung nicht gesehen, aber noch besser als die Medienkritik von Ane Hebeisen kann sie nicht gewesen sein. Da kommt sie, ohne Zwischenrufe wie “Hammer!” und “Super!” – für alle, die den “Bund” oder den Tagi von heute nicht in den Händen hielten:

La Hunziker: Die Frisur hält!

“Zirka in der 75. Minute der 183. «Wetten dass..?»-Sendung sitzt Michelle Hunziker ein bisschen angewidert mit einer Tasse Kaffee auf einer Show-Bank, neben ihr drückt ein schnauzbärtiger Deutscher sein Gesicht in den Innenraum eines Gummistiefels, in welchem zuvor eine robuste Turnverein-Gesellin getanzt hatte. Ziel dieser Vorführung ist, dass der sonderbare Herr anhand des Gummistiefel-Geruchs die Trägerin des Schuhwerks errät.

Im Vorfeld wurde von einem televisionären Ritterschlag gesprochen: Michelle Hunziker , unser Meitschi aus Ostermundigen, wird von Thomas Gottschalk als Co-Conférencière für «Wetten, dass..?» aufgeboten. Volksnahe Presseerzeugnisse packten die grossen Lettern aus, um dem Gipfeltreffen der Blondheiten einigermassen gerecht zu werden. Der einhellige Tenor: La Hunziker werde mit ihrem gewinnenden Wesen den welkenden Glamour des Thomas Gottschalk mitsamt dessen ebenso welkenden Quoten im Nu vergessen machen. Und nun sitzt die Geadelte neben einem schnaubenden Gummistiefelmann und versucht, ihre oft gerühmte natürliche Fröhlichkeit aufrechtzuerhalten.

Nein, von einer glamourösen TV-Sternstunde oder einem neuen Dream-Team der Fernsehunterhaltung zu sprechen, wäre vermessen. Zu unberechenbar schlenkert der Gottschalk durch seine Moderation, als dass sich daneben eine sprachlich durchschnittlich begabte Bernerin eingrooven könnte, zu diffizil die Aufgabe, als Aussenwetten-Animierdame, Kandidatenbetreuerin und geduztes Zierwerk showtechnisch in Schuss zu kommen. So konzentriert sich La Hunziker irgendwann vornehmlich darauf, alles, was da um sie herum geschieht, «super» und «hammer» zu finden und dabei schön auszusehen. Letzteres gelingt ihr selbst dann noch, als auf ihrem Kopf eine Aluminiumdose zur Explosion gebracht wird. Und zumindest das ist eine Leistung, auf der sich aufbauen lässt. Mission erfüllt, Quoten gerettet (11,29 Millionen Zuschauer, 37,8% Marktanteil), und die Frisur hat gehalten.”

Solange solche Texte in Bezahlzeitungen erscheinen, werde ich auch dafür bezahlen, und zwar gerne.

P.S.  Ein kameradschaftlicher Hinweis an die Redaktion des “Tages-Anzeigers”: Solche Oeuvres sollte man nicht auf der “Kehrseite” platzieren, sondern dort, wo sie hingehören, in den Bund “Kultur-und Gesellschaft”. Gerade Zürcherinnen und Züricher dürfen Hebeisen noch kennen – und schätzen – lernen.

Foto Michelle Hunziker: blick online

Wenn nur noch der Jöö-Faktor bleibt

Der Abstimmungssonntag nähert sich auf leisen, leisen Sohlen. Die beiden eidgenössischen Vorlagen haben keine Wellen geworfen. Die allgemeine Volksiniatiative musste gar ohne Pro- und Kontrakomitees auskommen, in den letzen Wochen zählte ich ein paar wenige Leserbriefe, ein öffentlicher Diskurs fand kaum statt – eigentlich schade, es hätte sich durchaus gelohnt.

Weshalb der ruhige Wellengang? Deckten die Bundesratswahlen fast alles zu? Lag es an der unsäglichen Libyen-Affäre? Ein guter Freund, mit dem ich mich oft über politische Themen austausche, brachte gestern Abend einen weiteren Erklärungsversuch ein: Wir sind womöglich zurück in der eidgenössischen Normalität. Die Reizthemen Europa und Ausländer/Aysl/Migration liessen seit einigen Jahren intensive Kampagnen und Auseinandersetzungen zu – typisch ist das nicht für unser Land.

Im Kanton Bern entfachte die Harmos-Abstimmung in den letzten Wochen auch keine heftige Debatten. (Böse Zungen behaupten, das sei immer so.) An den gut besuchten Podien in den ruralen Gegenden waren die Meinungen gemacht, da setzt es ein klares Nein ab. Demgegenüber gibt es in Biel sowie im Grossraum Bern ein Ja – fällt es deutlich genug aus, kann das für ein Ja im ganzen Kanton ausreichen.

Für mich als verantwortlicher Kampagnenmacher ist es frustrierend, wenn Dynamik und Diskurs weitgehend auf der Strecke bleiben. So bleibt lediglich eine Genugtuung: im Team haben wir ein Sujet kreiert, das allüberall gut ankommt und vor allem auch zur Kenntnis genommen wird.

Das Sujet mit den blondschopfigen Geschwister spielt den sogenannten Jöö-Faktor. Auf glückliche Kinder zu setzen, stand schnell einmal fest. Wir konnten davon ausgehen, dass die Gegner ihre Kampagne mit weinenden Kindern bestreiten würden. So war es dann auch. Der direkte Vergleich der beiden Sujets:

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Beide Sujets zielen auf den Bauch. Das Geschäft mit Emotionen ist womöglich einfacher, lies: erfolgreicher als Ratio. Aber wenn ein Sujet eine Diskussion anstösst, die alsbald zum eigentlichen Inhalt umschwenkt, hat es seinen Zweck mehr als erfüllt.

Dieser Tage schliesslich adaptierten wir das Kampagnensujet – ein Versuch. Leicht gewürzt mit dem Promi-Faktor. Wer findet ihn, den A-Promi?

Fazit: In dieser Umsetzung lässt der Jöö-Faktor deutlich nach. Dafür wird der “Bin-ich-auch-drauf”-Faktor geweckt. Allein, dafür hätte es eine grössere Beteiligung gebraucht, womit wir wieder bei der fehlenden Dynamik angelangt wären.

Mark Balsiger

Der Rücktritt von Urs Gasche führt zur ersten grossen Nagelprobe für die BDP


Der Berner Regierungsrat
Urs Gasche (bdp) tritt im nächsten Frühling zurück. Überraschend kommt diese Entscheidung nicht, seit Wochen hielt sich das hartnäckige Gerücht in Berns Gassen, dass er keine weitere Legislaturperiode mehr anhängen möchte.

Gasches Rücktritt aus der Politik ist zunächst einmal bedauerlich. Er wurde 2001, als Ersatz für Hans Lauri (svp), der in den Ständerat nachrückte, gewählt und schnell eine der Leaderfiguren in der Regierung. Gleichzeitig blieb er mit beiden Beinen auf dem Boden, nahm sich nicht so wichtig und beobachtete den politischen Betrieb stets mit einer gewissen Distanz und Ironie.

In den Jahren 2002 und 2006 wurde Gasche mit jeweils sehr guten Resultaten wieder gewählt. Das wäre ihm auch im nächsten Frühling gewiss gewesen, obwohl er ja das Parteibuch gewechselt hat. Ursprünglich ein SVP’ler gehörte Gasche vor Jahresfrist zu den Gründungsmitgliedern der Berner BDP.

Die BDP steht nun vor der grossen Herausforderung, den Sitz von Urs Gasche zu verteidigen. Das wird alles andere als einfach, ein ähnliches Schwergewicht ist zurzeit nicht auf dem Radar zu erkennen. Der Einzige, der aus der heutigen Sicht gute Wahlchancen hätte, wäre Hans Grunder, Präsident der BDP Schweiz. Dieser kommt aber kaum infrage. Bei einer Wahl in die Regierung würde er sein Nationalratsmandat abgeben und die Partei so auf eidgenössischer Ebene ihre hart erkämpfte Fraktionsstärke wieder verlieren. Dasselbe gilt für Nationalrätin Ursula Haller, Nationalrätin und Gemeinderätin aus Thun.

SVP ist ihrem Ziel einen Schritt näher gekommen

Alle anderen Papabili – Grossrätin Beatrice Simon gilt als Favoritin – stehen vor einer schwierigeren Ausgangslage. Sie beginnen das Rennen bestenfalls auf gleicher Höhe wie die beiden SVP-Kandidaten Christoph Neuhaus (bisher) und Albert Rösti (neu). Neuhaus wie Rösti, aber auch SVP-Parteipräsident Rudolf Joder dürften heute eine gute Flasche aufmachen. Sie sind ihrem Ziel, der Rückeroberung eines zweiten Sitzes, heute einen Schritt näher gekommen.

Die BDP steht also vor ihrer ersten grossen Nagelprobe. Es ist gut möglich, dass sie im April 2010 ihren “geschenkten” Regierungsratssitz verliert. Zugleich wird ihre Fraktion im Kantonsparlament dereinst kaum so gross sein wie bisher. Sie profitierte vor Jahresfrist vom grossen Überlaufen wohlgelittener SVP-Grossräte.

Dieses “Berner Signal”, das Ende März 2010 womöglich ausgesendet wird, könnte beim weiteren Aufbau der BDP schweizweit lähmend wirken. Plötzlich wären die Karrierechancen für die Ambitionierten wie die Opportunisten doch nicht mehr so gut wie eben noch erhofft. In jedem Fall bedingt der Aufbau einer neuen Partei viel Knochenarbeit. Die Grünen brauchten 20 Jahre, um sich auf allen Stufen zu etablieren.

Aus der Perspektive des BDP-Aufbaus ist der Entscheidung von Urs Gasche ein harter Schlag. Die Partei muss nun beweisen, zu was sie fähig ist. Sie braucht einen Überflieger, besser: eine Überfliegerin.

Regierungsratswahlen werden fast eine reine Männersache

Dass eine Frau im Vordergrund steht, ist klar. Unter den bisherigen Regierungsratsmitgliedern wie den Kandidierenden ist Barbara Egger (sp) die einzige Frau. Nebst ihr reihen sich nicht weniger als 8 Männer ein: 2 EVP (Gsteiger, Jost), 2 SP (Perrenoud, Rickenbacher), 2 SVP (Neuhaus, Rösti), 1 FDP (Käser) 1 Grüner (Pulver). Vor diesem Hintergrund verspräche eine Frauenkandidatur eher Erfolg.

Mark Balsiger

Mehr zum Thema: Wahlkampfauftakt: Regierungsrat Philippe Perrenoud muss sich warm anziehen

Foto Urs Gasche: diewahl.blueblog.ch

Wahlkampfauftakt: Regierungsrat Philippe Perrenoud muss sich warm anziehen

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Gesundheitsdirektoren stehen schneller auf der Abschussliste als andere Regierungsräte. Das musste der Philippe Perrenoud (sp; links) heute Nachmittag in aller Deutlichkeit feststellen. Bei der Wahl zum Vizepräsidenten der Berner Regierung erzielte der gelernte Mediziner aus Tramelan gerade einmal 77 von 156 möglichen Stimmen. (Korrektur vom 3. Juni, 8.30 Uhr: Bei 153 möglichen Stimmen legten 59 Grossräte leer oder ungültig ein, 17 Stimmen vielen auf “Diverse”.) Dieses Ergebnis ist kein Dämpfer, sondern eine regelrechte Ohrfeige für Perrenound. Zum Vergleich: Sein Regierungskollege Hans-Jürg Käser (fdp) holte bei der Wahl zum Regierungspräsidenten 147 von 156 Stimmen.

Das schlechte Abschneiden von Perrenoud kommt nicht komplett überraschend: Auguren behaupten, er sei das schwächste Mitglied im siebenköpfigen Regierungsrat, die Noten, die er von den meisten Parlamentariern erhält, sind nur knapp genügend, im Samstags-Interview des “Bund” vom 30. Mai schlug sich Perrenoud nicht gerade souverän. Die Schockwelle wegen den Krankenkassenprämien, die im Kanton Bern überportional ansteigen werden, überrollte auch ihn. Auch dafür musste er heute büssen.

Im Kanton Bern hat es weiterhin zu viele Spitäler. Dieses Überangebot zu reduzieren und zu reorganisieren ohne ganze Regionen gegen sich aufzubringen, ist eine grosse Herausforderung für Perrenoud. Es gibt einige Gesundheitsdirektoren, die genau an dieser Aufgabe scheiterten – und abgewählt wurden.

Ende März 2010 werden im Kanton Bern die Gesamterneuerungswahlen stattfinden, die Bürgerlichen möchten nach dem “selbstverschuldeten Betriebsunfall” wieder die Mehrheit erringen. Seit April 2006 zählt die Regierung nämlich 4 Mitglieder von Rot-Grün sowie 3 Bürgerliche (nach dem Übertritt von Urs Gasche von der SVP zur BDP im Sommer 2008: 1 BDP, 1 FDP, 1 SVP). Traditonell lautete der Verteilschlüssel: 5 Bürgerliche (3 SVP, 2 FDP) und 2 SP-Mitglieder. Die Schmach von sitzt noch tief, heute wurden die ersten Kanonen in Stellung gebracht.

Womöglich schiessen die Bürgerlichen sich tatsächlich auf Philippe Perrenoud ein. Sein Trumpf: Er hat den praktisch garantierten Jurasitz inne. Er könnte bei den Wahlen 2010 beispielsweise auf Platz 12 landen und bliebe gleichwohl im Amt – sofern ihn niemand aus dem Berner Jura überflügelt.

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Der einzige Bernjurassier, der seit Monaten als Kampfkandidat gehandelt wird, ist Grossrat Sylvain Astier (fdp; links) aus Moutier. Er müsste Perrenoud verdrängen. Das bräuchte, unter anderem, mindestens im Berner Jura die geschlossene Unterstützung der bürgerlichen Parteien BDP, FDP und SVP. Ob das nach all den Verletzungen der letzten Jahre möglich ist, bleibt abzuwarten.

Kommt dazu, dass Astier mit Jahrgang 1975 noch sehr jung ist. Traut man ihm dieses Amt überhaupt zu? Und falls ja: Möchten die Parteistrategen riskieren, dass ein (zu) jung gewählter Regierungsrat (zu) lange im Amt bleibt? Erinnerungen an Mario Annoni (fdp) werden wach, der von 1990 bis 2006 der Sitz der Bernjurassier besetzte – für viele etwas gar lange.

Keine Zweifel, Philippe Perrenoud muss sich warm anziehen. Die Gefahr einer Abwahl hat er schon vor geraumer Zeit erkannt: er machte seinen Parteikollegen Jean Philippe Jeannerat (Foto unten) zum Stabschef in seiner Direktion. Jeannerat ist ein ausgebuffter Kommunikationsprofi: Lange Jahre war er Mediensprecher der SP Schweiz, später im EDA bei Bundesrätin Calmy-Rey. Seit letztem Sommer ist Jeannerat daran, Perrenouds Profil in der Öffentlichkeit zu schärfen.

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Fotos Philippe Perrenoud, Sylvain Astier und Jean Philippe Jeannerat: neo1.ch, fdp.ch, tagesanzeiger.ch

Gemeindepräsidentin Magdalena Meyer-Wiesmann geht – und schweigt

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Vor fünf Jahren begegnete mir Magdalena Meyer-Wiesmann das erste Mal. Sie besuchte zusammen mit anderen Leuten einen Kurs bei mir. Die persönliche Auftrittskompetenz stand im Zentrum. Und: nicht nur reden, sondern auch etwas sagen. Gerade Politiker können Ersteres gut, bei Zweiterem übermannen mich regelmässig Zweifel.

Heute morgen begegnete mir Magdalena Meyer-Wiesmann das zweite Mal. Am frühen Morgen beim Zmorge. Sie lächelte mich an. Aus “Berner Zeitung” und “Bund”. Sie geht nach Rom. Nicht mit Swiss, nicht mit dem direkten Nachtzug, den es seit Jahrzehnten gibt. Nein, sie geht. Zu Fuss.

Vor der Gemeindepräsidentin von Kirchlindach liegen rund 1100 Kilometer. Sie geht, um in sich hineinzuhorchen. Sie will schweigen. Sie möchte herausfinden, ob sie es so lange aushält, zumeist mit sich alleine zu sein. Zudem will sie während dieser etwa 60 Tage dauernden Wanderung Sponsorengelder generieren. Für die Aids-Opfer in Afrika.

Auf “zufussnachrom” führt sie Tagebuch. Mit SMS-Nachrichten, die auf der Website hochgeladen werden. Einen Laptop möchte sie nicht mitnehmen. Verständlich. Twitter wäre eine elegante Option gewesen. Schneller, effizienter.

Zu Fuss unterwegs sein kann läutern, die Gedanken schärfen, innere Ruhe vermitteln, für Klarheit sorgen. All diese Qualitäten hülfen im Alltag der Politik. Deswegen bin ich schon jetzt versucht zu empfehlen: Gehen Sie auch, liebe Politikerinnen und Politiker.

Nach dem überzeugten Auswanderer (zuerst svp, dann grüne) und dem passionierten Stadtwanderer (sp) hat die Region Bern also mit Magdalena Meyer-Wiesmann auch eine ambitionierte Romwandererin (fdp). Die drei sollten sich irgendeinmal einmal treffen – wandernd. Da kämen womöglich parteiübergreifend gute Lösungsansätze zustande.

Foto Magdalena Meyer-Wiesmann: “Bund”/Nadja Frey

Kuno Lauener kämpft für den “Bund”

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Die meisten Medien setzen auf Geschwindigkeit, Trivialität, knallige Storys, People, Kurzfutter. Die Tageszeitung “Bund” setzt auf Einordnung, Tiefgang, Analyse und ein ruhiges Layout. Trotzdem soll sie noch in diesem Jahr eingestellt werden.

Verleger müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, alle in dieselbe Richtung zu trotten. Blind vor Angst. Sie suchen seit bald zehn Jahren nach Möglichkeiten, im Internet Geld zu verdienen. Erfolglos. In der Schweiz machen die Online-Erlöse keine 4 Prozent des Werbekuchens aus. Auch in Deutschland sieht es so aus.

Kuno Lauener ist seit 30 Jahren “Bund”-Leser. Er gehört zu den Erstunterzeichnern der Petition “Rettet den Bund”. Unterzeichnen auch Sie – hier und jetzt:

http://rettet-den-bund.ch/?page_id=9

P. S.
In den letzten Monaten hörte ich immer wieder dieselbe Aussage: “Der ‘Bund’ ist nicht mehr zu retten.” Womöglich stimmt das, aber immerhin sind wichtige Elemente des “Bund” zu retten. Auch dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Es gibt in diesem Land erschreckend viele Schwarzmaler, Defaitisten und Totengräber. Sie tönen und schreiben stets gleich, mit schweren Stiefeln zertreten sie zarte Pflänzchen, die zu spriessen beginnen. Von solchen Leuten sind nie Ideen, Engagement oder Goodwill zu erwarten. Tragisch.

Für den “Bund” oder ein Nachfolgemedium gäbe es eine Zukunft: Vielen Leuten habe ich die Ansätze erläutert, stets mit demselben Ergebnis: nach spätestens 15 Minuten glaubten auch sie daran.

Merke: Man sollte sich von den Schwarzmalern, Defaitisten und Totengräbern nicht zumüllen lassen.