Die nationalen Parteien investieren zunehmend in Internet und Social Media. So überzeugen beispielsweise die Webauftritte von CVP und Grünen. Die SVP geht mit SVP-Wahlen einen Schritt weiter. Eine Innovation stellt die Plattform “sp-mitmachen” dar, die seit gestern online ist. Ziel ist es, damit über Jahre hinaus Mitglieder in Orts- und Themengruppen sowie in Wahlteams zusammenzuführen und dauerhaft zu aktivieren. Das Wahlkampfblog befragte mit Emanuel Wyler von der SP Schweiz einen der Verantwortlichen.

Herr Wyler*, im Netz tummeln sich immer mehr Angebote, die Politisierende nutzen sollten: Facebook, Twitter, Politnetz, Smartvote, usw. – und jetzt kommt Ihre Partei und präsentiert eine weitere Online-Plattform für Mitglieder und Sympathisanten. Droht ein Overkill?
Emanuel Wyler: Richtig, es gibt einige Konkurrenz für „sp-mitmachen“. (Man kann sich dort nur umsehen, wenn man ein Passwort bestellt, die Red.) Wir wollen das Experiment aber trotzdem wagen. Es ist bekannt, dass immer mehr Leute abends und auch tagsüber kurz ins Internet gehen, vor allem durch den zunehmenden Gebrauch von Smartphones. Damit ergibt sich auch Raum fürs Politisieren im Internet.
Viele Websites und Facebook-Pages sind angeschimmelt, aber noch immer online, Blogs werden monatelang nicht gefüttert, auf Hunderten von Twitter-Kanälen wird nicht gezwitschert. Wie binden Sie die Parteimitglieder an die neue Plattform, wenn das Online-Bewusstsein noch derart schwach entwickelt ist?
Die Plattform ist vor allem ein Arbeitsinstrument zur Mobilisierung und weniger für die Kommunikation da. Die meisten politisch Aktiven in unserem Milizsystem verbringen sehr viel Zeit mit Administration und Organisation. Weil „sp-mitmachen“ die politische Organisationsarbeit und das Handwerk erleichtert, kann man damit viel Zeit sparen. In den kommenden Monaten müssen wir nun die Leute schulen und sie davon überzeugen, dass sie sich mit der Plattform das Leben einfacher machen. Die Schulungen laufen schon und die ersten Reaktionen sind positiv.
Vor vier Jahren versuchte die SP Schweiz mit Blogs für Furore zu sorgen, was nicht funktionierte. Jetzt kommt sie mit „sp-mitmachen“ – besteht ausserhalb von eidgenössischen Wahljahren überhaupt ein Bedürfnis für das neue Angebot?
Ja, das Bedürfnis besteht innerhalb der SP. Blogs richten sich nach aussen, ans breite Publikum, die neue Plattform an SP-Mitglieder und -Sympathisantinnen und -Sympathisanten. Diese Leute wollen auch im Internet einen Raum, in dem sie sich engagieren können und wo ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Andere Plattformen bieten das weniger, gegenüber Facebook beispielsweise gibt es Bedenken wegen Datenschutz und Sicherheit.
Wir starten jetzt, weil in Wahljahren die Aktivität und das Engagement besonders gross sind. Und wir brauchen zum Starten eine kritische Grösse, damit die Plattform selbständig zum Laufen kommt. Der Planungshorizont geht natürlich weit über die Wahlen hinaus. Wir verfolgen bei diesem Projekt einen langfristigen Ansatz, auch wenn er in der Wahlkampfzeit startet.
Ich bin nicht SP-Mitglied, konnte mir aber bei „sp-mitmachen“ problemlos ein Profil einrichten. Haben Medienschaffende und Parteifremde tatsächlich Zugang oder gibt es bald höhere Hürden?
Grundsätzlich soll sozialdemokratische Politik für alle offen sein, daher sind Hürden nicht eingeplant. Fast alles was auf „sp-mitmachen“ läuft, ist weder geheim noch vertraulich. Und es ist ja gut, wenn viele Leute sehen, was bei der SP läuft. Für alle Fälle sind die Informationen in den Wahlteams, den Orts-, Themen- und Knowhow-Gruppen ja nur den Gruppenmitgliedern zugänglich, d.h. die Gruppen-Administratoren können den Zugang zu diesen Informationen einschränken.
Ist „sp-mitmachen“ der Versuch, echte und dauerhafte Grassroot-Aktivitäten auszulösen?
Das ist natürlich das langfristige Ziel. Wir müssen in den nächsten Jahren aber vor allem daran arbeiten, die Basis der SP zu verbreitern und noch mehr Leute dazu zu bringen, sich mit und in der SP für eine Politik für alle statt für wenige zu engagieren. Die Plattform „sp-mitmachen“ ist nur ein Teil dieser Bemühungen.
Kampagnen haben eher Erfolg, wenn sie top-down geplant und durchgeführt werden…
Bei „sp-mitmachen“ geht es um Bewegungsaufbau. Darum, die Grundvoraussetzungen für unsere Kampagnenfähigkeit zu verbessern. Dafür brauchen wir eine breite, engagierte Barteibasis. Nationale Kampagnen werden weiterhin von der SP Schweiz geplant und durchgeführt, auch wenn es schön wäre, wenn über die Plattform Ideen eintreffen würden. Aber ein grosser Teil der Politik geschieht auf lokaler und regionaler Ebene, und da hilft „sp-mitmachen“.
Was kostet diese Plattform?
Die Plattform wurde extern als Pilotprojekt realisiert und war mit 30’000 Franken sehr günstig.
Wurde in einer langen Beta-Phase schon alles getestet?
Weil es ein Pilotprojekt ist, hatten wir jetzt eine fast zweimonatige Testphase mit einigen Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Diese war aber sehr viel chaotischer und rudimentärer, als Sie sich das jetzt vielleicht vorstellen. Wie gesagt, wir hatten ein Budget von nur 30’000 Franken – dafür aber Freiwillige mit viel Herzblut.
Wie viele Jahre geben Sie „sp-mitmachen“, bis sich diese Plattform durchgesetzt hat?
Ich glaube und hoffe, dass in zwei bis drei Jahren 1000 Leute aktiv auf dieser Plattform sind.
Interview: Mark Balsiger
* Emanuel Wyler ist Mitarbeiter in der Abteilung Kampagnen und Kommunikation der SP Schweiz