
Aus dem aktuellen Buch «Wahlkampf statt Blindflug». Dieselbe Datei gibt es auch als PDF in höherer Auflösung: 26-Erfolgsfaktoren-Modell (PDF)
Kategorie: Wahlkampf national
Die Angsthasen im Parlament
Die Volksinitiative feiert heute Geburtstag. Vor 123 Jahren wurde sie im Rahmen der zweiten Revision der Bundesverfassung vom Volk an der Urne gutgeheissen. Bis dato konnten wir über nicht weniger als 189 Volksabstimmungen befinden. Seit wenigen Jahren ist dieses direktdemokratische Instrument so populär wie und erfolgreich wie nie zuvor. Die Debatte über eine Revision läuft, eine angebliche Geheimgruppe des Bundes, die die Volksrechte abbauen wolle, generierte unlängst Schlagzeilen. Dort beginnen wir.

Die Schlagzeile war fett: Eine „Geheimgruppe des Bundes will die Volksrechte abbauen“, trompetete unlängst ein auflagenstarker Titel in den Sonntag hinaus. Ausrisse aus Protokollen illustrierten die reisserische Behauptung und erweckten den Eindruck, in einem abgedunkelten Hinterzimmer würde an unseren direktdemokratischen Institutionen gehobelt. Die politischen Akteure waren sofort auf Deck. So forderte die FDP eine Stellungnahme des Bundesrats und die Veröffentlichung der aufgelaufenen Kosten. Dabei übersah sie, dass zwei Mitglieder dieser angeblichen Geheimgruppe ehemalige freisinnige Generalsekretäre sind.
Wie sich herausstellte, hat sich die lose Gruppierung mit dem Namen Democrazia Vivainta auf Einladung der Bundeskanzlei viermal getroffen. Sie tat das, was Arbeitsgruppen und mehr als Hundert Expertenkommissionen auch tun: Sie dachte nach, trug Ideen zusammen und diskutierte. Honorare wurden nicht entrichtet, zweimal gab es Brötchen und etwas zu trinken – so viel zum Thema Kosten. Der Sonntagsprimeur basiert auf einem Telefongespräch mit einem Mitglied dieser Denkgruppe. Dass es mitwirkt, konnte man schon seit geraumer Zeit auf seiner Webseite einsehen – so viel zum Thema geheim. Dass die Hintergründe von ihm stammten, unterschlug die „SonntagsZeitung“, sonst wäre der Skandal zusammengefallen.
Rückblende: Die freisinnige Grossfamilie beschnitt 1891 ihre damals noch grenzenlose Macht und drückte politischen Minderheiten eine starke Waffe in die Hand: die Volksinitiative. Dank ihr brachten sich die Katholisch-Konservativen (die heutige CVP) und die Sozialdemokraten ein, und sie stiessen dabei oft Grundsatzfragen an. Erinnert sei an das Proporzwahlsystem, das kurz nach dem Landesstreik 1918 eingeführt wurde.
Während in den meisten anderen Demokratien eine tiefe Kluft zwischen der politischen Elite und dem Volk besteht, sind Schweizerinnen und Schweizer im politischen Prozess eingebunden, indem sie alle drei Monate an Abstimmungen teilnehmen können. Dieses ständige Partizipieren ist ein Grund dafür, dass sich keine nennenswerte Politikverdrossenheit festsetzen konnte.
Vor etwa 20 Jahren begann sich der Charakter der Volksinitiative zu verändern. Heute ist sie primär ein Vehikel für das politische Marketing. Den Parteien geht es darum, dass ihre Mitglieder in Wahljahren sich auf der Strasse zeigen und Unterschriften sammeln. 2011 verzichtete von allen grösseren Parteien nur die BDP auf eine Volksinitiative. Wer Unterschriften sammelt, so die Devise, ist nahe beim Volk und holt mehr Stimmen. Nebenbei lassen sich Spenden generieren, neue Mitglieder werben und die Medienarena bespielen. Die liberalen Vordenker des modernen Bundesstaats würden sich im Grab umdrehen, wenn sie mitbekämen, was aus ihrer Volksinitiative geworden ist.
Die Erfolgsquote der Volksinitiativen hat sich in ihrer 123-jährigen Geschichte signifikant verbessert: Seit 1891 wurden insgesamt 22 Begehren angenommen, die Hälfte davon in den letzten 20 Jahren. Heute greifen sie oft emotionale oder populistische Themen auf, und sie sind listiger formuliert als früher. Ob es einen Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen gibt, wurde bislang leider nicht untersucht. Problematisch ist, dass mehrere Volksinitiativen übergeordnetes Recht wie zum Beispiel das Völkerrecht, das in der Bundesverfassung verankert ist, verletzen.
Die Hürden für die Volksinitiative wurden seit ihrer Einführung immer tiefer. Ursprünglich brauchte es für das Zustandekommen 7,6 Prozent der Stimmberechtigten, inzwischen sind es noch 1,95 Prozent. Angesichts dieser Entwicklung mutet es seltsam an, wie Alt-Staatssekretär Jean-Daniel Gerber gedeckelt wurde. Er hatte sich für eine Verdoppelung der Unterschriftenzahl auf 200’000 starkgemacht.
„Kein Abbau an den Volksrechten!“ tönt es aus fast allen politischen Lagern. Keine Frage, man will auf der Seite des Volkes stehen. Bloss riecht dieser Imperativ nach Opportunismus. Dass die Hürden stetig sanken, wird im lauten Gedöns ausgeblendet. Die jüngsten Reformvorschläge des Bundesrats wurden bereits wieder zurückgewiesen. Im Parlament sitzen Angsthasen. Niemand will am Vorabend des Wahljahres 2015 als Abbauer der Volksrechte gebrandmarkt werden. Ihnen sei in Erinnerung gerufen, dass das Parlament 1977 die Anzahl Unterschriften auf 100’000 verdoppelte. Ohne Referendum, Lärm und Warnungen vor einer Plutokratie.
Aus meiner Sicht stehen zwei Anpassungen im Vordergrund:
– Erstens, eine leichte Erhöhung der Unterschriften. Anstelle einer statischen Zahl wäre eine dynamische Zahl eleganter, z.B. 2,5 Prozent der Stimmberechtigten.
– Zweitens, Volksinitiativen müssten materiell geprüft werden, und zwar vor der Unterschriftensammlung. Diese Aufgabe übernimmt nicht das Bundesgericht, sondern bewusst ein politisches Gremium: das Parlament. Auf diese Weise würde es gestärkt.
Volksinitiative und Referendum sind grossartige Errungenschaften, die viel zum Erfolgsmodell Schweiz betrugen. Aber es ist höchste Zeit, dass das Parlament wieder selbstbewusst darauf hinweist, was unser Staatswesen ist: eine halbdirekte Demokratie.
Mark Balsiger
Fotos:
– fricktal24.ch
– alinetrede.ch (Kartons mit Unterschriften)
>>> Dieser Beitrag erschien diese Woche als Kolumne in der “Handelszeitung”. Und damit verabschiedet sich der Wahlkampfblogger für die nächsten Monate. Er konzentiert sich ganz auf sein drittes Buch, das im Herbst 2014 erscheinen wird. Postings gibt es bis dann nur in Ausnahmefällen. En schöne Summer allersiits.
Rudolf Joder demontiert sich selbst
Vor 20 Jahren ist “Das LOLA-Prinzip” von René Egli erschienen. Das Buch wurde zu einem Bestseller; es thematisiert unter anderem das Loslassen. Wir dürfen annehmen, dass beim Berner SVP-Nationalrat Rudolf Joder (oben) die Essenz nicht angekommen ist.
Joder ist de facto seit 1989 Berufspolitiker. Zuerst war er 15 Jahren lang Gemeindepräsident von Belp, 1999 schaffte er den Sprung in den Nationalrat. Die SVP des Kantons Bern kennt eine Altersguillotine, die in der Grossen Kammer nach 16 Jahren fällt. Auf Ende der laufenden Legislaturperiode, also im Herbst 2015, müsste Joder aufhören. Ein Leben ohne politisches Amt kann er sich, so Stimmen aus der eigenen Partei, kaum vorstellen. Als Berner Parteipräsident (2006 bis 2012) holte er sich im SVP-Krisenjahr 2008, als Abtrünnige die BDP gründeten, keine Loorbeeren. Nach innen schaffte er es nicht, die Auseinandersetzungen zu moderieren, nach aussen kommunizierte er schwach.
In den letzten 18 Monaten war er, der Politiker auf Bundesebene, auffällig umtriebig im Kanton, etwa mit einer Steuersenkungsinitiative, die allerdings bis heute nicht lanciert wurde, oder der Spitalstandortinitiative. Diese verlangt, stark vereinfacht, dass die kleinen Spitäler in den Regionen weiterhin betrieben werden. Ein populäreres Engagement gibt es kaum.
Kurz nach seinem 64. Geburtstag prescht Joder nun in eigener Sache vor: Er lancierte gestern seine Ständeratskandidatur – mit einer Medienmitteilung, die er gleich selber verschickte. Er sei vom Vorstand der SVP Mittelland-Süd nominiert worden. Wie die “Berner Zeitung” heute schreibt, hat dieses Gremium allerdings noch gar keine Abstimmung durchgeführt.
Mit dem Vorpreschen Joders hat die Berner SVP-Kantonalsektion ein handfestes Problem: Es ist seit geraumer Zeit ausgemacht, dass ihr Kampfkandidat für den Ständerat Werner Salzmann (Foto) heissen soll. Der 52-jährige Kantonsangestellte wurde im Herbst 2012 Parteipräsident und damit Nachfolger von Joder, was der Konstellation zusätzlich Zunder gibt. Bei den Nationalratswahlen 2011 verpasste Salzmann den ersten Ersatzplatz . Mit einer Doppelkandidatur für den National- und Ständerat würde er im Herbst 2015 mit Sicherheit den Sprung auf die nationale Bühne schaffen.
Joder ist für die Volkspartei der Mann von gestern, Salzmann hingegen der Mann der Zukunft. Schon bei der Kampfwahl zum Präsidenten setzten sich Mitglieder des nationalen Parteikaders für ihn ein. Damals obsiegte Salzmann gegen Grossrat und Fraktionschef Peter Brand mit 224 zu 214 Stimmen.
Die Kantonalberner SVP ist gut im Schuss: Bei den Grossratswahlen im März erreichte sie satte 29 Prozentpunkte (+ 2.4%). Als klar wählerstärkste Partei muss sie alles daran setzen, ihren traditionellen Ständeratssitz wieder zurückzuerobern. Problematisch ist, dass ihre Nationalräte mit Wahlchancen, etwa Albert Rösti oder Andreas Aebi, kein Interesse signalisierten. Adrian Amstutz wiederum verlor im Herbst 2011, notabene nach nur zwei Sessionen, sein Ständeratsmandat gegen den Sozialdemokraten Hans Stöckli.
Die Spannungen der Berner SVP sind nun öffentlich, auch wenn die Parteioberen den Ball flachhalten werden: Joder muss seinen verzweifelten Sololauf im Nachhinein von seiner Sektion absegnen lassen, Salzmann wiederum braucht Nerven und einen kühlen Kopf. Agiert und kommuniziert er in eigener Sache geschickt, wird er als Ständeratskandidat auf den Schild gehoben. Und damit wäre die Selbstdemontage Joders perfekt.
Mark Balsiger
Fotos Rudolf Joder & Werner Salzmann: derbund
Die BDP vor ungemütlichen Zeiten
Glarus ist neben den Kantonen Bern und Graubünden der dritte Brückenkopf für die BDP. Bei den Wahlen für den 60-köpfigen Landrat von heute schnitt sie ansprechend ab, erreichte sie doch 15.6 Prozentpunkte (minus 1%; die Zahlen sind provisorisch). Mit 9 Sitzen (vorher 10) bleibt die jüngste Partei die Nummer 3 im Kanton.
Mit den Glarner Wahlen hat die BDP zwei von drei Nagelproben in diesem Jahr bestanden. Die Resultate zeigen allerdings auch klar, dass sie die Decke erreicht hat. Der Überblick:
– Bern, Wahltermin 30. März, 160-köpfiges Parlament:
Minus 4.8% bzw. minus 11 Sitze; neu: 11.2% bzw. 14 Sitze
Nr. 3 im Parlament, ganz knapp vor FDP und Grünen
– Graubünden, 18. Mai, 120 Köpfe
27 Sitze (+ 1), Majorzwahl, deshalb keine Prozentpunkte
Nr. 3 (knapp hinter FDP und CVP)
– Glarus, 1. Juni, 60 Köpfe
Minus 1% bzw. minus 1 Sitz: neu: 15.6% bzw. 9 Sitze
Nr. 3
In diesem Jahr finden nur noch in Zug kantonale Wahlen statt, dort hat die BDP bis dato keine Sektion aufgebaut. Ein schwieriger Lauf werden die Zürcher Kantonsratswahlen im Frühling 2015 – nicht nur für die BDP. Diese haben eine überdurchschnittliche mediale Beachtung. Wer dann schlecht abschneidet, wird zum Verlierer der eidgenössischen Wahlen gestempelt. Eine populäre Hypothese, die bislang allerdings niemand wasserdicht belegen konnte.
Büsst die BDP im nächsten Frühling ihre Fraktionsstärke im Zürcher Kantonsrat ein, dürfte einer der beiden Nationalratssitze – gehalten von Lothar Zjören und Rosmarie Quadranti – ins Wackeln geraten. Im Kanton Bern ist die Situation ähnlich ungemütlich: Mit einem vergleichbaren Abschneiden wie bei den Grossratswahlen Ende März erreichte die BDP im Oktober 2015 noch zwei Nationalratssitze aus eigener Kraft. Das wären zwei weniger als aktuell. Für den Berner Kantonalpräsidenten Heinz Siegenthaler, der im Herbst Ursula Haller ersetzen wird, ist das Nachrücken ein schweres Erbe.
Mark Balsiger
Die aktuelle Mandatsstärke der BDP ohne Kantonsparlamente:
– 1 Bundesrätin (EWS)
– 1 Ständerat (Werner Luginbühl, BE)
– 9 Nationalräte (4 BE, 2 ZH, 1 AG, 1 GL, 1 GR)
– 4 Regierungsräte (2 GR, 1 BE, 1 GL)
Nach dem Nein zum Gripen: Kaffeesatzlesen

Wer hätte vor dem Abstimmungssonntag darauf gewettet, dass die Gripen-Vorlage mit 53.4 Prozent abgelehnt wird?
Eine rhetorische Frage.
Das Grounding des Gripen ist wie ein “Chlapf a Gring” – für das Parlament, den Bundesrat und Verteidigungsminister Ueli Maurer. Das Nein ist historisch, auch wenn diese Bezeichnung von einzelnen Kommentatoren in Frage gestellt wird. Tatsache ist: Seit vielen Jahrzehnten wurde noch nie eine reine Armeevorlage abgelehnt, stets stand eine Mehrheit des Stimmvolkes auf der Seite von Bundesrat und Parlament. (Das Ja zur Rothenthurm-Initiative von 1987 und das Nein zu den Blauhelmen von 1994 – beide Vorlagen werden als “Ausreisser” bezeichnet – waren keine reinen Armeevorlagen. In Rothenthurm ging es nicht nur um den umstrittenen Waffenplatz, sondern auch um das schützenswerte Hochmoor, bei den Blauhelmen stand die Frage der Neutralität im Vordergrund.)
Die gestrige Abstimmung könnte eine Landmarke werden. Im Sinne einer Serviceleistung eine Auswahl Abstimmungskommentare als PDF zum Herunterladen:
– Maurers Irrflug (Aargauer Zeitung, Christian Dorer)
– Willkommen im Waterloo (Basler Zeitung, Markus Somm)
– Ein Nein zum Gripen, kein Nein zur Armee (Berner Zeitung, Peter Jost)
– Das Volk will eine Armee mit Mass (Der Bund, Patrick Feuz)
– Mehr als ein Grounding (NZZ, René Zeller)
– Das Nein wäre vermeidbar gewesen
(St. Galler Tagblatt, Philipp Landmark)
– Ein Nein, das neue Wege eröffnet (Tages-Anzeiger, Daniel Foppa)
– Das Nein ist der Anfang einer besseren Lösung (Watson, Peter Blunschi)
Wie die meisten Kommentatoren und Auguren ging ich von einem knappen Ja aus. Dass Bundesrat Ueli Maurer sich in den letzten Monaten auffallend viele Fauxpas leistete, ist mir weiterhin suspekt. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass sie alle zufällig waren. Also war Absicht dahinter – eine steile These, ich weiss. Und das wäre ein hochgradig durchtriebener Plan, wie ich gegenüber Bundeshausredaktor Philipp Loser (Bund/Tagi) ausführte. Ob Maurer in seinem tiefsten Inneren den Gripen nie wollte und deshalb Patzer an Patzer reihte, darüber ranken sich schon jetzt Legenden.
Mark Balsiger
Fotos: gripen4canada.blogspot.com; adi
Die zweite Nagelprobe für die BDP
Bei den Nationalratswahlen 2011 war die BDP zusammen mit der GLP die Siegerin. Sie erreichte aus dem Stand 5.4 Prozentpunkte; das ist für Schweizer Verhältnisse ein Erdrutsch. Er gab der jungen Partei viel Schub. Seither konnte die BDP in allen kantonalen Wahlen zulegen – mit einer gewichtigen Ausnahme: Bern. Dort brach sie vor sieben Wochen regelrecht ein: minus 4.8 Prozent bzw. minus 11 Sitze. (Dafür verteidigte sie den Regierungsratssitz von Beatrice Simon mit einem Glanzresultat.)
Diese Ohrfeige widerhallte in der ganzen Schweiz. Vereinzelt wurde die Partei bereits als „todgeweiht“ bezeichnet. Das ist selbstverständlich übertrieben. Aufschluss über den Formstand der BDP dürften die Wahlen von morgen Sonntag im Kanton Graubünden geben. Dort hat sie seit ihrer Gründung 2008 eine mächtige Stellung, wechselten doch von zwei Ausnahmen abgesehen (Ständerat Christoffel Brändli und Heinz Brand) alle Schlüsselfiguren von der damaligen SVP zur BDP. Bei den Nationalratswahlen 2011 verlor sie allerdings ihren zweiten Sitz – an SVP-Brand.
Bei den Parlamentswahlen geht es der BDP darum, ihre Position zu verteidigen. Im 120-köpfigen Grossen Rat hat sie derzeit 26 Sitze und ist damit hinter der FDP (40) und der CVP (32) die drittstärkste Kraft. Gewählt wird in Graubünden weiterhin nach dem Majorz, ein Wechsel zum Proporz wurde an der Urne abgelehnt. Das Majorzsystem bevorzugt bekannte und konsensorienterte Köpfe, die Stimmen von rechts und links auf sich vereinen können. Das dürfte der BDP helfen. Ein Absturz wie im Kanton Bern wäre eine saftige Überraschung.
Spannend wird es bei den Regierungsratswahlen: Der bisherige Hansjörg Trachsel (BDP) muss aufgrund der Amtszeitbeschränkung von 12 Jahren seinen Platz räumen. Drei Männer wollen ihn beerben: SVP-Nationalrat Heinz Brand, BDP-Parteipräsident Jon Domenic Parolini (Foto oben) und Jürg Kappeler (GLP). Letzterer ist chancenlos, um im „Grauen Haus“ – so heisst das Regierungsgebäude in Chur – einzuziehen. Bleibt also der Zweikampf Brand vs. Parolini.
Brand (58, Foto), der die kantonale SVP-Sektion präsidiert, will es zum zweiten Mal nach 2010 wissen. Damals erreichte er lediglich Platz 7. Jetzt ist seine Ausgangslage viel besser: Seit seinem Einzug in den Nationalrat 2011 mauserte er sich schnell zu einem Schwergewicht in der SVP-Fraktion. Beim Thema Asyl, das für die Volkspartei zentrale Bedeutung hat, ist der ehemalige Chef des kantonalen Amtes für Polizeiwesen Wortführer und Fachmann. Dank dieser Rolle erlangte er nationale Bekanntheit und ein starkes Profil.
Parolini (54) lag Anfang Mai bei einer repräsentativen Umfrage drei Prozentpunkte vor Brand. Der Gemeindepräsident von Scuol ist seit vielen Jahren Mitglied im Grossen Rat. Verpasst er neben der unbestrittenen Barbara Janom Steiner den zweiten BDP-Sitz, hat seine Partei auch die zweite Nagelprobe nicht bestanden. Gerade für eine bürgerliche Partei ist es evident, ihren ambitionierten Spitzenleuten Karriereoptionen zu ermöglichen. Dazu gehören Mandate im eidgenössischen Parlament und Regierungsämter.
Ausserhalb der Kantone Bern (11.2 Prozentpunkte), Graubünden und Glarus (16.6%), wo am 1. Juni gewählt wird, hat die BDP keine Hochburgen. Umso wichtiger wäre es für sie, am Sonntag den zweiten Bündner Regierungsratssitz halten zu können. Verpasst sie dieses Ziel, dreht sich die Negativspirale weiter. Und das erhöht den Druck auf Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Sollte sie Ende 2015 aus dem Bundesrat zurücktreten, wäre das Gastspiel der BDP in der Landesregierung vorbei. Ohne Kühlerfigur hätte sie es ungleich schwerer, sich weiter zu entwickeln.
Mark Balsiger
Die aktuelle Mandatsstärke der BDP:
– 1 Bundesrätin (EWS)
– 1 Ständerat (Werner Luginbühl, BE)
– 9 Nationalräte (4 BE, 2 ZH, 1 AG, 1 GL, 1 GR)
– 4 Regierungsräte (2 GR, 1 BE, 1 GL)
P.S. Optionaler Ausgang bei den Bündner Regierungsratswahlen: Brand und Parolini werden beide gewählt; zulasten des bisherigen SP-Mannes Martin Jäger.
Fotos:
– Jon Domenic Parolini: bdp.info
– Heinz Brand: news.ch
Update von Montag, 19. Mai 2014, 8 Uhr:
Bei den Regierungsratswahlen konnte sich die BDP ihren zweiten Sitz sichern. Parolini distanzierte SVP-Kampfkandidat Brand um fast 5000 Stimmen. Der Zieleinlauf:
– Barbara Janom Steiner (BDP, bisher) 32’666 Stimmen
– Mario Cavigelli (CVP, bisher) 32’057
– Christian Rathgeb (FDP, bisher) 27’009
– Jon Domenic Parolini (BDP, neu) 22’575
– Martin Jäger (SP, bisher) 25’309
– Heinz Brand (SVP, neu) 20’619
– Jürg Kappeler (glp, neu) 9218
– Einzelne 4710 Stimmen
absolutes Mehr: 17’417 Stimmen. Brand erreichte dieses locker, ist als Überzähliger aber dennoch nicht gewählt.
Zu den Grossratswahlen – die neue Sitzverteilung:
– BDP 27 (+ 1 im Vergleich zu den GR-Wahlen 2010)
– CVP 31 (- 2)
– FDP 32 (- 6)
– SVP 8 (+ 4)
– SP 15 (+ 3)
– GLP 2 (–)
– Parteilose 2 (- 3)
Die BDP konnte ihre Position als drittstärkste Kraft also konsolidieren; die SVP hat neu Fraktionsstärke. Fünf Sitze im 120-köpfigen Parlament konnten noch nicht vergeben werden; es kommt zu einem zweiten Wahlgang.
Ein P.S. zu Wahlkämpfer Beat Zoss
Die mobilen Plakatständer wurden längst abtransportiert, die “Analysen” gemacht, das Wundenlecken geht jetzt in einen langsamen Prozess des Vergessens über. Der Berner Wahlkampf 2014 ist Geschichte. Darum schiebe ich ein P.S. nach.
Woran werden wir uns erinnern – in drei Monaten, im nächsten Herbst, in vier Jahren? Der Verdacht liegt nahe: an nichts, nada, die Festplatte auf dem Hals ist zu diesem Schlagwort leer. Dafür waren die letzten Monate schlicht zu langweilig, der Wahlausgang absehbar.
Vielleicht konnte sich aber Beat Zoss, der virtuelle Regierungsratskandidat der BZ-Redaktoren Stefan von Bergen und Christoph Aebischer ins Langzeitgedächtnis schmuggeln. Der überdrehte Bünzli, gespielt vom Berner Künstler Matto Kämpf, war ein Farbtupfer im Einheitsgrau der Berner Wahlen. Er sorgte mit seinen zuweilen klamaukigen Aktionen für Erheiterung, aber auch Kopfschütteln. Dass dieses Experiment mit heftiger Kritik eingedeckt werden dürfte, sagte ich schon am Tag der Lancierung voraus. Nichts weniger als die Demokratie sah man gefährdet.
Wer Zoss eine Chance gab und die Satire ausblendete, konnte mitverfolgen und lernen, was Wahlkampf bedeutet: Unterschriftensammeln, Social-Media-Kanäle füttern, ein Unterstützungskomitee zusammenstellen, Familie und Golden Retriever vor die Linse locken, bei einer Stilberaterin Tipps für das richtige Outfit einholen (Bild unten), und Veranstaltungen über sich ergehen lassen, bei denen mehr Leute auf dem Podium sitzen als im Saal. Kurz: ein Marathon.
Genau deshalb finde ich das Experiment wertvoll. Kandidatinnen und Kandidaten könnten sich in Zukunft an einzelnen Elementen der Zoss-Kampagne orientieren. Er hatte eine überzeugende Website, bei den Fotos waren Profis am Werk, auf Facebook und Twitter meldete er sich stetig zu Wort. Bleibt zu hoffen, dass seine Profile möglichst lange online bleiben.
Mark Balsiger
Die Profile von Beat Zoss im Netz:
– Website
– Facebook-Page
– Twitter
Weitere Hintergründe:
– Wie Beat Zoss den realen Berner Wahlkampf wachgeküsst hat
(Berner Zeitung BZ, 5. April 2014)
– Wie Kämpf den Zoss machte (Interview; BZ, 5. April 2014)
Foto Beat Zoss: Beat Mathys/BZ
P.S. Für mich hat dieses Zoss-Video schon jetzt Kultstatus. Es kommt in dieselbe Liga wie Emils Nummer “Der Wahlverlierer” (im Netz leider nicht auffindbar).
Zwischenbilanz nach 16 kantonalen Wahlen: GLP zieht davon, die CVP ist im Jammertal
Seit den Nationalratswahlen im Oktober 2011 wurden in 16 Kantonen die Parlamente neu bestellt. Die provisorische Zwischenbilanz zeigt: Die klare Verliererin ist die CVP. Verluste gibt es auch bei FDP und Grünen zu verzeichnen. Die GLP hat die Nase vorn, deutlich vor der BDP. Im Plus sind auch SP und SVP.

Die Grafik in der obigen Darstellung ist primär als Illustration gedacht. Sollte die Lesbarkeit eingeschränkt sein, gibt es diese Tabelle auch als PDF zum Downloaden:
Zwischenbilanz: Alle 16 kantonalen Wahlen von Nov. 2011 – März 2014
Auffallend sind die praktisch flächendeckenden Verluste der CVP: Mit zwei Ausnahmen haben die Christlichdemokraten in allen Kantonen Wähleranteile eingebüsst, einzig in den Kantonen Uri und Genf konnten sie minimal zulegen. Die SVP drehte ihren Negativtrend aus der ersten Hälfte des Jahres 2012 und legte in den letzten zehn Kantonswahlen überall zu.
Die Gewinner der Nationalratswahlen 2011, GLP und BDP, bleiben auch in den kantonalen Parlamentswahlen auf Siegeszug. Die BDP konnte mit Ausnahme von Bern (Wahlen von gestern) in allen Kantonen, in denen sie antrat, Wähleranteile gewinnen. Die Grünliberalen wiederum sind mit einem Plus von 2.5 Prozent noch deutlich besser unterwegs.
Diese Zwischenbilanz soll in erster Linie einmal eine Übersicht vermitteln. Trends lassen sich daraus ableiten, ich versuche es nachfolgend mit Interpretationen:
– SVP:
Nach den eidgenössischen Wahlen 2011 mit dem für sie schmerzhaften Rückschlag (minus 2.3 Prozentpunkte) geriet die Volkspartei vorübergehend aus dem Tritt. Sie erlitt in der Folge ein paar Niederlagen in der Ost- und Zentralschweiz. Insbesondere das Resultat in St. Gallen (minus 6.4 Prozentpunkte), wo sie die politischen Landschaft in den letzten 20 Jahren komplett umgepflügt hatte, war eine Ohrfeige. In den letzten zehn Kantonswahlen hat die SVP allerdings überall zugelegt. Sie scheint damit trittsicher Richtung eidgenössischen Wahljahr 2015 unterwegs zu sein.
– SP:
Wie die SVP erreicht auch die SP nach 16 Kantonswahlen ein leichtes Plus. In insgesamt neun Kantonen konnte sie zulegen. Dass sie in Kantonen, in der sie traditionell stark verankert ist, beispielsweise Aargau, Solothurn, Genf und Bern, nicht vom Fleck kommt, muss für die Sozialdemokraten alarmierend sein.
– FDP:
Die Bilanz der Freisinnigen ist durchzogen, insgesamt resultiert ein Minus von 1 Prozentpunkt. Das steht im Kontrast zum letzten Politbarometer, das gestern veröffentlicht wurde. Die Fusion von FDP und Liberalen im Kanton Genf hatte keinen positiven Effekt, im Gegenteil. Es resultierte ein Minus von 3.9 Prozentpunkten, in der Waadt, einer Hochburg der FDP, setzte es sogar ein Minus von 4.9 ab.
– CVP:
Die Christlichdemokraten sind mit einem Minus von 1.9% im Jammertal: Sie haben in 14 von 16 Kantonen Wähleranteile verloren, die Erosion geht weiter. Die Wählerbewegungen dürften zum einen Richtung SVP, zum anderen zu den beiden neueren Mitteparteien BDP und GLP zu verzeichnen sein.
– Grüne:
Die Grünen traten seit den Nationalratswahlen 2011 in 13 von 16 Kantonen an und verloren dabei acht Mal. Daraus resultiert ein Minus von 0.7 Prozentpunkten. Brutal war die Niederlage in Genf mit einem Verlust von mehr als 6 Prozentpunkten.
– GLP:
Wo die Grünliberalen kandidieren, gehen sie mit Gewinnen aus den Wahlen hervor. Einziger klitzekleinen Bremser in dieser Erfolgsbilanz ist Basel-Stadt, wo ein Minus von 0.1 Prozentpunkten resultierte. Insgesamt beträgt das Plus satte 2.5%.
– BDP:
Die Zwischenbilanz der BDP schlägt mit einem Plus von 1.2 Prozentpunkten zu Buche. Schwer wiegt allerdings die Schlappe von gestern in Bern. Das Minus von 4.8% bzw. 11 Sitzen ist brutal und stoppte den Höhenflug des letzten Mals – aus dem Stand auf 16 Prozentpunkte – jäh. Aufschluss über den Formstand der BDP dürften die beiden nächsten kantonalen Wahlen in Graubünden (18. Mai) und Glarus (1. Juni) geben. Bern, Glarus und Graubünden sind die Hochburgen der BDP, dort übernimmt sie auch Regierungsverantwortung; in Bern und Glarus mit je einem Sitz, in Graubünden sogar mit zwei Sitzen. Verliert die BDP im Widmer-Schlumpf-Kanton einen Sitz in der Regierung an die SVP, wird es ungemütlich. Dann dürfte ihre Bundesrätin im eidgenössischen Wahljahr 2015 erst recht unter Druck geraten.
Mark Balsiger
Ob Perrenoud oder Bühler ist gehupft wie gesprungen, das Hauptproblem bleibt
Seit nunmehr acht Jahren wird Berns Gesundheits- und Fürsorgedirektor Philippe Perrenoud (sp) von seinen politischen Gegnern attackiert. Dabei steckte er die Schläge wie ein Boxer ein, kam mehrfach ins Taumeln, zu Boden ging er aber bislang noch nie. Keine Zweifel: Dieser Mann hat Nehmerqualitäten. Die Kritik an seiner Amtsführung ist oft berechtigt, meistens parteipolitisch motiviert und zuweilen bloss dumpfbackig.
Der Versuch, die rot-grüne Mehrheit in der Berner Regierung zu stürzen, scheiterte heute zum zweiten Mal. Perrenoud wurde trotz aller Kritik und einer schwachen Performance ganz knapp wiedergewählt, das geometrische Mittel machte schliesslich mit 954 Stimmen den Unterschied aus. Manfred Bühler (svp, Foto links), der für den „Umschwung“ der Bürgerlichen verantwortlich gewesen wäre, schnitt trotz einem defensiven Wahlkampf im gesamten Kanton überraschend gut ab. Die Bernjurassier gaben allerdings Perrenoud den Vorzug, und genau dieser Berner Jura war ja der “Battleground”.
Perrenoud wird sein Ergebnis mit stiller Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Gratulieren darf man aber Bühler: Er hätte als neuer Gesundheitsdirektor an den riesigen Erwartungen nur scheitern können. Die Lebensqualität als Fürsprecher, Grossrat und Motocrossfahrer ist deutlich höher.
In einem durch und durch bürgerlichen Kanton setzt sich die rot-grüne Regierungsmehrheit durch, wenn auch nur mit Hilfe des höchsten geometrischen Mittels. Was sagt uns dieses Wahlresultat?
BDP, FDP und SVP haben es nicht geschafft, zwei der drei grossen „P“ zu erarbeiten und dem Volk schmackhaft zu machen: Programm und Personal. Diese Faktoren hätten die bürgerliche Wende ermöglicht. Der Wille, diese Wende herbeizuführen, war in den letzten Monaten zu wenig spürbar. Würden die Young Boys so spielen, wären sie längst in die Amateurliga abgestiegen.
Die Fortführung der „Cohabitation“ – linke Regierungsmehrheit, bürgerlich dominierter Grosser Rat – hat eine bequeme Komponente. Die Kritiker im Parlament können so weitermachen wie in den letzten acht Jahren, „gäng wie gäng“, Perrenoud (Foto rechts) bleibt eine dankbare Zielscheibe und auch sonst kann man bei Bedarf die linke Regierung brandmarken.
Auch in der nächsten Jahren stehen opfersymmetrisch geschnürte Sparpakete im Zentrum. Die tiefgreifenden strukturellen Probleme des Kantons schiebt man hingegen weiter vor sich her. Die Regierungsrätinnen und Regierungsräte sind zu stark vom Alltagsgeschäft absorbiert, die meisten Grossräte agieren vor allem als Interessenvertreter ihrer Region. Politik, die gestaltet und das „Big Picture“ im Fokus hat, sieht anders aus.
Offensichtlich kann der Kanton Bern seine Vergangenheit nicht abschütteln: Schon in den 1920er-Jahren begann sich die Unsitte der Subventionsjägerei durchzusetzen. Von 1929 bis 1979 stellte die SVP und ihre Vorläuferpartei, die BGB, immer einen Bundesrat – von Rudolf Minger bis Rudolf Gnägi. Das erleichterte den Zugang zur Bundesverwaltung und den Honigtöpfen. Wer wollte schon gegen den Bauernstand sein, als ringsum Krisen und Kriege ausbrachen? Dieses Handeln wurde quasi zur DNA des Kantons, er verschlief die weiteren Wellen der Industrialisierung, für den nationalen Flughafen in Utzenstorf (anstelle von Zürich-Kloten) mochte die allmächtige Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) nicht kämpfen, Bern blieb ein Agrarkanton. Selbstgerechtigkeit und das Verwalten von Pfründen haben ihn träge gemacht.
Fazit: Es ist gehupft wie gesprungen, ob Perrenoud oder Bühler in der Kantonsregierung sitzt. Viel wichtiger wäre es, dass sich ein paar starke Figuren aus Politik und Verwaltung auf einen Weg mit Zukunft einschwören könnten. Bis der Aufbruch im Kanton Bern beginnt, kann es dauern, noch haben viele Akteure den Ernst der Lage nicht erkannt. Womöglich wird sogar YB vorher noch Schweizer Meister.
Mark Balsiger
Ein ausgezeichneter Text zum selben Thema publizierten die beiden BZ-“Zeitpunkt”-Autoren Jürg Steiner und Stefan von Bergen am letzten Freitag, ausnahmsweise im “Tages-Anzeiger”.
Weitere Abstimmungskommentare:
– NZZ: Bern ohne neuen Impuls (Daniel Gerny)
– Berner Zeitung: Bern wählt den Stillstand (Peter Jost)
Fotos:
– Philippe Perrenoud: derbund
– Manfred Bühler: rts
Die Kandidatenschwemme verwässert das Profil der Parteien
Die meisten Parteien setzen bei Parlamentswahlen auf eine grosse Anzahl Kandidatinnen und Kandidaten. Die Grossratswahlen im Kanton Bern von Ende März sind ein exemplarisches Beispiel dafür. Rund 1900 Personen stellen sich zur Verfügung. Auf dem Papier. Im Wahlkampf sieht und spürt man allerdings viele von ihnen nicht. Die Kandidatenschwemme ist ein Unding.
Ich staunte nicht schlecht: Kurz nach sechs Uhr fingen mich letzte Woche beim Eingang des Berner Hallenbads “Wyler”, wo ich jeden Morgen trainiere, zwei Personen ab. Eingepackt in dicke Jacken, Halstücher und Kappen, trotzten sie dem garstigen Wetter und sprachen mich an. Sie sammelten Unterschriften für eine Volksinitiative, die ein zusätzliches Hallenbad fordere, beschieden mir die junge Frau und der Mann im mittleren Alter. Beide kandidieren für den Grossen Rat. „Potzblitz, das ist Einsatz!“, dachte ich und unterschrieb. Eine Anekdote aus dem Berner Wahlkampf 2014.
Es gibt sie, die Kandidatinnen und Kandidaten, die unentwegt für ihre Partei werben, in Fronarbeit und mit viel Aufwand Wahlkampfkonzepte entwickeln, Leserbriefe schreiben, Podien organisieren, auf Social-Media-Kanälen Diskussionen anzetteln oder stundenlang in den Quartieren unterwegs sind, um Flugblätter in alle Briefkastenschlitze zu stecken. Sie tun dies bei Wind und Wetter, und oftmals auch, obwohl sie selber keine Wahlchancen haben. Vor diesen Leuten ziehe ich meinen Hut, sie sind die wahren Heldinnen und Helden. Allerdings gehören sie zu einer Minorität.
Rund 1900 Personen kandidieren am 30. März auf nicht weniger als 127 verschiedenen Listen für den Grossen Rat. Für jeden der 160 Sitze gibt es also mehr als zehn Bewerberinnen und Bewerber. In den grössten Wahlkreisen treten zwischen 220 und 350 Kandierende an. Aufgrund solcher Zahlen könnte man den Eindruck gewinnen, dass es einen wahren Sturm auf das Berner Rathaus gibt. Weit gefehlt: Bei vielen erschöpft sich der „Wahlkampf“ mit der Bereitschaft, den eigenen Namen zur Verfügung zu stellen. Ansonsten machen diese Leute nicht mit, wie mir Funktionäre verschiedener Parteien zugetragen haben: Weder an internen Veranstaltungen, noch auf Social Media, geschweige denn bei Standaktionen auf der Strasse. Zudem sind diesen Kandidaten die Positionen der eigenen Partei zu wenig bekannt. Für die engagierten Wahlkampfleiter in den Regionen ist all das demotivierend.
Grossratswahlen sind in erster Linie Parteiwahlen. Für eine Partei ist es evident, dass möglichst viele Kandidierende aktiv mitwirken und so die Chancen auf ein gutes Abschneiden der eigenen Liste erhöhen.
Die Parteien setzen auf viele Köder, um mehr Stimmen an Land zu bringen. Entsprechend sind Unterstützerlisten en vogue. Sie bestehen beispielsweise aus Senioren, KMU-Vertretern oder jungen Parteimitgliedern. Bei Lichte betrachtet haben die Unterstützerlisten nur einen Zweck: Sie sollen zusätzliche Stimmen an die mit ihnen verbundenen Hauptlisten abliefern. Ein Beispiel: Vor vier Jahren holte im Seeland eine solche Unterstützerliste einen Wähleranteil von 0,1 Prozent bzw. 722 Stimmen. Nicht zu vergessen: Die Kandidatenschwemme fordert auch die Wählerinnen, die nächste Woche mit einem dicken Couvert mit Werbematerial eingedeckt werden. So stehen in der Stadt Bern 356 Kandidierende zur Verfügung – bei 20 Sitzen. Die Wahl wird zur Qual.
Natürlich können genau solche „Nullkommaöppisprozäntli“ den Ausschlag für ein Restmandat geben, das der Hauptliste zufällt. Dass der Wahlkampf aber mit unmotivierten Kandidierenden und vielen Unterstützerlisten verwässert wird, schleckt keine Geiss weg. Ein solches Je-mu-ka (Jeder muss kandidieren) schwächt das Profil der Parteien.
Mark Balsiger
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